
Film: Das System Milch (2017), Regisseur: Andreas Pichler, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Andreas Pichler
Schon 1975 hatte der Dokumentarfilmer Peter Krieg den Nestlé-Konzern dafür angeprangert, mit billigem Milchpulver aggressiv auf die Märkte von Dritte-Welt-Ländern zu drängen. Andreas Pichler geht mit seinem Film ,Das System Milch‘ (2017) noch einen Schritt weiter: Er klagt nicht einen bestimmten Player auf dem Markt an, sondern gleich die ganze Branche. Doch was genau läuft falsch an dem System Milch, das jährlich über 200 Millionen Liter Milch bzw. Milchpulver abwirft?
Kleinbauer in Europa: Kaum einer kann sich noch über Wasser halten
Das hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal wären da die Kleinbauern in Europa, die unter dem ,System Milch‘ leiden. Diejenigen, die die Umstellung auf Bio verpasst haben oder für die es zu teuer war, stellen ihre produzierte Milch Großmolkereien zur Verfügung. Die Molkereien bzw. die dahinter stehenden Großkonzerne vermarkten die Milch dann an die Supermärkte weiter, so kommt das Produkt zum Endverbraucher. Sie funktionieren sozusagen als Schnittstelle für Produzenten und Konsumenten. Doch die Kriterien für die Produzenten sind hart: Viel Milch für wenig Geld. Jahrzehnte lang hat die Branche Preisdumping betrieben, um auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. In Deutschland verlangen die Discounter derzeit weniger als 50 Cent für einen Liter Milch. Mit Abzügen der Produktionskosten bleiben für einen deutschen Bauern noch 15 Cent pro Liter. Wirtschaftlich kann sich damit kaum einer über Wasser halten.
Mehr als 160 Selbstmorde in einem Jahr
In anderen europäischen Ländern sieht das allerdings nicht besser aus: Laut einer Studie der nationalen Gesundheitsbehörde begehen rund 160 Landwirte pro Jahr Selbstmord in Frankreich. Zynisch wird die Suizidrate auf den Höfen schon als ,Bauernsterben‘ bezeichnet. Grund dafür sind die Verlustgeschäfte, die die Bauern trotz der europäischen Subventionen von circa 75 Millionen Euro jährlich machen. Die Gewinner: Global-Player wie Arla, Campina, Danone oder Nestlé. Die vertreiben die in der EU produzierte Milch weltweit – in China zum Beispiel oder im Senegal. Doch auch hier sind die Kleinbauern die Leidtragenden.
Mit dem billigen Milchpulver aus Europa kann unsere Frischmilch nicht mithalten, was meinen Sie, warum so viele Menschen mit Booten fliehen?
So ein Senegalese in Pichlers Film, womit wir wieder bei Peter Kriegs Flaschenkindern wären. Doch nicht nur die wirtschaftlichen Faktoren sprechen für ein ,faules System‘.
Kühe als Melkroboter
Die Haltung der Kühe in Europa lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Laut PETA werden Kühe ihren Müttern schon nach einem Tag weggenommen, danach als Hochleistungsroboter benutzt und circa acht Mal am Tag gemolken, obwohl ihre Euter dafür viel zu empfindsam sind. Nur die Hälfte der Kühe, die in Deutschland Milch produzieren, sehen eine Weide. Und wenn ihre Zeit abgelaufen ist, kommen sie auf den Schlachthof. Außerdem: Jedes Tier bekommt statt eines Namens eine Kennnummer. ,Kasperin29′ oder ,Virgini137′ sind die Erfassungsnamen der Supercows (also die, die überproportional viel Milch abgeben), aber die Masse läuft unter einer gängigen Bezeichnung wie ,DE 1300188124′. Von Tierliebe bleibt da dementsprechend nicht viel übrig.
Umweltschäden durch Milchproduktion
Hinzu kommt das Thema Umwelt, heute aktueller denn je. Pichler kritisiert nicht nur den Anbau von Soja im brasilianischen Regenwald für Tierfutter, sondern vor allem den Kosten-Nutzen-Aufwand für Kühe, der letztlich auf Verschwendung hinausläuft. Ist biologische Landwirtschaft deshalb langfristig besser?
Nur 25 Cent mehr als Lösung für das Milch-Problem
Jein. Zwar haben Kühe durch Biolandwirtschaft wieder die Chance darauf, Gras auf einer Weide zu fressen. Bei der Nachfrage – Tendenz steigend – ist aber kaum genug Fläche vorhanden (berechnet in ,Cowspiracy‘, 2013), um den internationalen Markt zu sättigen. Die Lösung: Entweder weniger Milch trinken oder den Einkauf von Milch so lange boykottieren, bis die Global-Player den Preis für Milch wieder hochschrauben und die Milchbauern ihre Existenz retten können. Geschätzt wird, dass ein Bauer 40 Cent braucht, um zu überleben. Je mehr Geld ein Milchbauer mit einem Liter verdient, desto weniger Kühe braucht er langfristig. Und das bedeutet auch: Weniger Tierquälerei und weniger Flächennutzung. Allerdings wären wir da wieder beim ‚Facebook‘-Problem. Wir unterschätzen unsere Macht als Konsumenten und glauben, dass wir’s sowieso nicht ändern könnten. Also lassen wir’s einfach so, wie es ist. Dabei bin ich sicher: viele von uns wären bereit, 25 Cent mehr zu zahlen. Allein, um den Selbstmorden in Frankreich ein Ende zu setzen.