Guardians of the Earth: Aus Liebe zu unserem Planeten?

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Film: Guardians of the Earth (2018), Regisseur: Filip Antoni Malinowski, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: Soleil Film

Konferenzsäle und Durchgangszonen von enormer Größe, Hunderte Menschen, die Fußböden verlegen und ein Riesenaufgebot an Sicherheitspersonal, das gerade noch geschult wird, weil der Anschlag auf die Satirezeitschrift ,Charlie Hebdo‘ wie eine schwarze Wolke über allen Großveranstaltungen schwebt. Der Zuschauer merkt schnell: Hier ist Großes am Werk. Der beinahe pathetische Titel ,Guardians of the Earth‘ der Dokumentation von Filip Antoni Malinowski lässt ebenfalls darauf schließen. Und tatsächlich hat der Regisseur einen Meilenstein in der Geschichte des Umweltschutzes begleitet: Die Weltklimakonferenz in Paris im Jahr 2015, der ein seit zwei Jahrzehnten angestrebter Durchbruch gelang. 195 beteiligte Staaten einigten sich hier darauf, die Erderwärmung zur Jahrhundertwende weltweit auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen.

Arm gegen Reich

Sich den Film drei Jahre nach Paris anzuschauen, ergibt durchaus Sinn, nicht nur, um zu sehen, was aus den festgelegten Zielen geworden ist. Der Kampf um eine substanzielle Einigung, um die Rettung dieser Erde, bekommt durch Malinowski ein Gesicht – allerdings mit zwei Seiten. Arm und reich stehen sich gegenüber, die pazifischen Inseln, auf denen ganze Dörfer im Meer ertrinken und Volkswirtschaften wie Australien oder Saudi-Arabien, deren Haupteinahmequellen Kohle und Öl sind. Die nicht ausgesprochene, aber durchaus erkennbare Frage danach, was wichtiger ist, steht dabei hinter allen Diskussionen: Nationaler Egoismus oder international Verantwortung zu übernehmen?

Dass die Debatte darüber genauso unaufrichtig zu sein scheint wie bei allen anderen politischen Großthemen auch, zeigt allerdings ein nüchterner Blick auf die Zahlen. Nur zwei Jahre später stellt die internationale Energieagentur ,IEA‘ fest: 2017 wurde mehr Co2 in die Erdatmosphäre gepustet als je zuvor. Konkret verzeichnete die Agentur einen Anstieg von 1,4 Prozent im Vergleich zu 2015 auf satte 32,4 Milliarden Tonnen Co2. Der weltweite Hunger nach Energie steigt stetig, weil es der Weltwirtschaft gut geht, und das bedeutet unweigerlich auch mehr Schadstoffe, so die Prognose der ,IEA‘. Berechnungen des ,WWF’s zeigen außerdem, dass Umwelt-Vorreiter wie Deutschland ihre ,Energie-Budgets‘ für ein ganzes Jahr schon im März 2018 verbraucht haben und Trump kündigte 2017 den endgültigen Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen an.

Das Geschäft mit der Katastrophe

Die Realität sieht also anders aus. Protagonisten wie Saleem Huq, der in ,Guardians of the Earth‘ als eine Art ,Klimakonferenzveteran‘ auftritt, geben zudem wenig Hoffnung auf Veränderungen.

people who benefit from a system don’t want to change the system

Er klagt die reichen Länder an, die von fossilen Brennstoffen profitieren und keine Veränderungen wollen. Wenn dann noch dramatische Bilder auf einen einstürzen, von Häusern, verschluckt von einem Meer aus Schlammlawinen auf den Philipinen und völlig unter Wasser gesetzten Flughäfen in Indien, kann man schonmal wütend werden. Aber Ethik mal beiseite: Dass die Diskussion über den Klimawandel längst zu einem Ringen um Eigeninteressen geworden ist, ist doch mittlerweile eine Binsenweisheit.

Entweder wird der Klimawandel geleugnet oder verharmlost, um wirtschaftliche Belange zu schützen, oder er wird unter dem Deckmantel der selbstlosen Warnung vor dem großen Wetterunheil benutzt, um wirtschaftliche Vorteile zu fördern. Schließlich hat so eine Katastrophe auch ein riesiges Vermarktungspotenzial – und da werden gut und gerne schonmal Falschinformationen verbreitet, um die Hysterie von Wut- und Angstbürgern zu verschärfen.

Der Klimawandel als Imagesticker

Großkonzerne wie der Rückversicherer ,Munich Re‘ machen das vor. Das Unternehmen veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht über Schäden durch Umweltkatstrophen: Das vergangene Jahr erklärte die Versicherung zum ,teuersten Naturkatastrophenjahr‘. Hochwasser und Sturmfluten seien seit den 1980ern häufiger geworden, hieß es in den Veröffentlichungen. Wissenschaftler indes prüfen regelmäßig die Daten der ,Munich Re‘ und kommen zu einem anderen Ergebnis. Sie können keinen Einfluss des Klimawandels auf die globalen Schäden durch Wetterkatastrophen erkennen. Natürlich weiß ,Munich Re‘ davon und versucht deshalb bewusst auf Wörter wie ,Erderwärmung‘ in den Medien zu verzichten.

Genauso scheinheilig sind aber verabschiedete Gesetze wie die Einführung von Carbon-Credits in den USA. Wenn Privatunternehmen anderen Konzernen Gutschriften abkaufen können, weil sie ihre eigenen Emissionsgrenzen überschritten haben, geht das Tauschgeschäft los. Milliarden von Dollar fließen hier in die Versteigerung von Emissionszertifikaten, die am Ende nichts mehr mit dem Ideal von Umweltschutz zu tun haben, sondern nur noch mit Profit. Die Klimakatastrophe wird entsprechend schamlos ausgenutzt.

Auf der einen Seite stehen dann also Klimaleugner wie Donald Trump, der ,sich nicht vorschreiben lassen will, wie die Bürger in den USA zu leben haben‘ und auf der anderen ganze Branchen, die die Klimakatastrophe gut für das eigene Image, Stichwort ,Greenwashing‘, gebrauchen können. Aktivisten wie Al Gore eingeschlossen.

Wenn auf der Weltklimakonferenz dann noch die Tatsache verschwiegen wird, dass Fleischkonsum neben fossilen Brennstoffen der Klimakiller Nummer 1 ist, gerät der Klimawandel endgültig in das falsche Licht einer groß geführten Scheindebatte. Wirtschaftliche Interessen waren von Anfang an wichtiger als die Liebe zu unserem Planeten. Überraschung.

Möchte man echte Lösungen, dann sollten Politiker allerdings zu aller erst damit anfangen, die müßige Diskussion über ein ,ob‘ des Klimawandels durch ein ,wie‘ zu ersetzen. Dass der Klimakollaps Realität ist, wissen wir. Aber wie können globalpolitisch Maßnahmen ergriffen werden, die den Klimaschutz sowohl ethisch als auch wirtschaftlich möglich machen? Schließlich wird es auch Verlierer geben – auf beiden Seiten. Nicht nur die Bewohner von pazifischen Inseln leiden hier, sondern auch diejenigen, die durch Schließungen von Braunkohletagebaus und Kohlekraftwerken ihren Arbeitsplatz verlieren. Darüber muss gesprochen werden, aber wie die Klimakonferenz zeigt, ist Papier da bisher sehr geduldig.

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