
Film: Call me by your Name (2018), Regisseur: Luca Guadagnino, Lesedauer: 5 Minuten,
Bild: Sony Picture Classics
Der Liebesfilm ,Call me by your name‘ von Regisseur Luca Guadagnino ist in aller Munde. Doch was macht die Liebesgeschichte, in der sich zwei homosexuelle Männer in einer Art italienischen Enklave ineinander verlieben, so besonders?
Ein faszinierendes ,Gayportrait‘ haben wir schließlich schon in ,Brokeback Mountain‘ (2005) gesehen. Ist es das Setting, das norditalienische Flair, das hier mit wunderbarem Essen und Wein, verwilderten Gärten, schönsten Altvillen und naturbelassenen Badeseen besticht und die gezeigte Liebesgeschichte in einen so romantischen Ort einbettet? Ist es die Geschwindikeit des Films, diese langsame, intuitive Kameraführung, die dem Film einen so sanften Charakter verleiht? Die sinnliche Filmmusik von Sufjan Stevens? Oder sind es die Schauspieler Thimotée Chalamet und Armie Hammer, die in den Liebesszenen natürliche Erotik statt Sexyness bieten? Die Liste, warum dieser Film so sehenswert ist, ließe sich an dieser Stelle endlos erweitern.
Bedürfnisse vor seinen Eltern offen ausleben – eine Seltenheit?
Beeindruckend ist aber vor allem die Stärke des Regisseurs, der den Rollen in seinem Film eben nicht diese gesellschaftlichen Konsequenzen aufdrückt, mit denen sich die Schwulen in bisherigen Hollywoodfilmen konfrontiert sahen (Ja, auch in ,Brokeback Mountain‘). In dieser italienischen Enklave dürfen Elio und Oliver ihre Bedürfnisse offen ausleben, zumindest, solange sie dort verweilen. Mehr noch, die Eltern (Michael Stuhlbarg und Amira Casar) von Elio unterstützen diese besondere Freundschaft durch eine intuitive und wunderbar emotionale Bindung zu ihrem Kind.
We rip out so much of ourselves to be cured of things faster than we should that we go bankrupt by the age of thirty and have less to offer each time we start with someone new. But to feel nothing so as not to feel anything – what a waste!
Dieser Rat von Elios Vater ist genau deshalb so herzergeifend, weil es ihn so selten gibt. Schließlich würden die meisten Väter womöglich hoffen, dass die ,pubertäre Phase‘ irgendwann vorbeigeht und sich der eigene Sohn dann doch noch einer Frau zuwendet. So wie Oliver, der am Ende aus der italienischen Idylle, dieser ,Grauzone‘, verschwindet, dessen Eltern gar nichts von seiner Begierde zu anderen Männern wissen und der sich schweren Herzens dazu entscheidet eine Frau zu heiraten, die er nicht liebt. Die Karriere als erfolgreicher Uniprofessor, die Fassade vor den eigenen Eltern aufrecht zu erhalten – all das sind Hindernisse, die Oliver nicht zu überwinden scheint.
In der Wiege der Gesellschaft einen warmen Platz finden
Der einzige Ausweg? Die Gefühle wegdrücken und versuchen zu vergessen. Doch Elios Vater weiß, dass das ein Trugschluss ist. Die Realität holt dich immer wieder ein, und spätestens an dem Punkt, wo sie es nicht mehr tut, bist du abgestumpft. Vielleicht bedeutet das in unserer Gesellschaft erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Das würde auch erklären, warum so viele Menschen eine gewisse Bitterkeit erfahren, wenn sie mit 50 aufwachen und ihre bisherige Lebenszeit als Verschwendung ansehen. Zu oft haben sie nicht das verwirklicht, was sie verwirklichen wollten. Zu oft auf die Eltern gehört, zu selten auf den Job gepfiffen, zu wenig Risiken eingegangen und nicht nach Herz und Intuition gehandelt, und das nur, um in der Wiege der Gesellschaft einen warmen Platz zu finden.
Und doch: Die Träume sind zerplatzt, die Gefühle taub und durch ein Laufrad ersetzt, das wir täglich antreiben. Wir leben nicht mehr, wenn wir anfangen unsere Gefühle verstummen zu lassen. Selbst, wenn sie – so wie bei Elio – Leid bedeuten, das macht nichts, denn diese ,melancholy of lost things‘ ist immer noch mehr wert als gar nichts mehr zu fühlen. Nur wer so leiden kann, der kann auch so lieben wie Elio und Oliver es tun. Eine solche Liebe erfordert beachtlichen Mut, denn er bedeutet: trotz aller möglichen Konsequenzen zu sich selbst zu stehen. Zu dem, was einen wirklich glücklich macht, und das ohne in den Sümpfen unserer Ängste und der gesellschaftlichen Realität zu versinken. Wenn deine Eltern dir allerdings schon in der Pubertät vermitteln, dass du dich ,zusammenreißen‘ musst, dann hast du schlechte Karten. Wie schön wäre das, wenn alle Eltern so reagieren würden wie Elios Vater. Doch wir wissen: Dem ist nicht so.