American History X: Über Wut und Vorurteile

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Film: American History X (1999), Regisseur: Tony Kaye, Lesedauer: 7 Minuten, Bild: Warner Bros.

Edward Norton hat viele gute, sehr komplexe Rollen gespielt. Wer ,American History X‘ gesehen hat, der kennt die Szene, in der Norten alias ,Derek Vinyard‘ von der Polizei festgenommen wird, nachdem er einen Afroamerikaner auf einen Bordstein beißen lässt und ihm dann brutal ins Genick tritt: Die Hände schulterzuckend über dem Kopf verschränkt und die Stirn in Falten gelegt, grinst er triumphierend in die Kamera. Das dicke Hakenkreuz auf seiner Brust leuchtet dazu wie ein schwarzer Blitz, der einen mit Hass durchbohrt. Vinyard ist ein eiskalter Neonazi ohne Reue. Es lebe Amerika, aber bitte ohne Ausländer.

Die missglückte Kindheit als Katalysator für Fremdenhass

Doch hinter dem Rassisten steckt ein Mann mit einer einer hoffnungslosen Geschichte, einer missglückten Kindheit. Dereks Vater hat seinem Sohn schon früh das Vorurteil eingetrichtert, dass die Schwarzen in seinem Viertel an allem Schuld seien. Als der Feuerwehrmann dann bei einem seiner Einsätze stirbt, kommt Derek mit seinem Schmerz nicht klar, weiß nicht wohin mit seiner Trauer, der Wut über diese Ungerechtigkeit. Also macht er die Ausländer dafür verantwortlich. Fortan ist Derek immer nur noch wütend. Sauer auf alle, die anders sind, weil sein Vater es ihm so eingeimpft hat. Die Schwarzen klagt er an für Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel – und den Tod seines Vaters.

Es sind nicht immer die anderen

Dass das Unsinn ist, erkennt Derek erst im Gefängnis. Sein Lehrer ,Bob Sweeney‘ verhilft ihm dazu, die eigenen Vorurteile als anerzogenen Trugschluss zu erkennen. Als die Opferrolle, die es ihm erlaubt, immer alle anderen für seine Probleme verantwortlich zu machen – außer sich selbst. Hat das sein Leben besser gemacht? Leider nein.

There was a moment, when I used to blame everything and everyone for all the pain and suffering and vile things that happened to me. Used to blame everybody. Blamed white people, blamed society, blamed God.

Der bösartige, rachsüchtige und unreflektierte Mann, den wir am Anfang des Films sehen, der war Derek Vinyard also nicht von Geburt an. Schlechte Erfahrungen und die Erziehung haben ihn zu dem gemacht, was er wurde. Und wenn wir den Film bis zum Ende vorspulen, dann sehen wir kurz vor dem Abspann diese wunderbare Szene von Derek und seinem Bruder Danny im Kindesalter: Sie toben gemeinsam an einem Strand, spielen in den Wellen des Ozeans und kennen keinen Hass, keine Unterschiede, keine Ängste.

„Es ging nur darum, einen guten Spielkameraden zu finden“

Dazu eine kleine Anekdote: Auf meiner Reise nach Indien vor einem Monat bin auch ich Vorurteilen begegnet, nicht nur von Männern, auch von Frauen, die mich nicht gerne in der Öffentlichkeit sahen, zumindest nicht so, wie ich gekleidet war. Das war nicht die Regel, aber diese ,Angst vor Fremden‘ ist vorgekommen. An einem heißen Tag in Rishikesh, der Yoga-Stadt Indiens, wollte ich mich am Fluss abkühlen – als einzige Weiße. Viele Blicke trafen mich, also habe ich mich erst mal auf einem Backstein am Ufer niedergelassen und den badenden Indern ,von Außen‘ zugesehen. Scheinbar war ich so in das Geschehen vertieft, dass ich nicht bemerkte, wie sich hinter mir ein bulliger Stier auftürmte. In der indischen Kultur genießen sie Vogelfreiheit und man begegnet ihnen nicht nur auf Fußgängerbrücken oder in Restaurants, sondern eben auch am Wasser. Ein kleiner Junge hat das Tier allerdings beobachtet und verscheucht. Im Gegenzug habe ich ihm eine seiner roten Butterblumen abgekauft, die er gut sortiert in einem Körbchen bei sich trug.

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So haben wir Freundschaft geschlossen und dazu gehörte im Anschluss natürlich auch: Zusammen baden! Der kleine Verkäufer packte meinen Arm und wir liefen auf dieses eiskalte, aber unglaublich klare Wasser zu, in das wir wenige Sekunden später eingetaucht sind. Für 30 Minuten war die Welt um uns herum vollkommen egal – für den kleinen Jungen ging es nicht um meine Hautfarbe, wie alt ich bin oder darum, wo ich herkomme: Es ging nur darum, einen guten Spielkameraden zu finden, mit dem man im Wasser rennen, spritzen, spielen kann. Zum Abschied hat er mir stolz ins Ohr geflüstert:,Thank you. I love you‘.

Einmal eingebrannte Vorurteile sind schwer abzubauen

Auf dem Weg ins Hotel musste ich dann an die Strand-Szene von Derek und seinem Bruder denken. Daran, wie glücklich sie als Kinder waren und was wohl aus dem kleinen indischen Jungen werden würde, wenn er einmal größer wird und die ersten schlechten Erfahrungen mit europäischen Touristen gemacht hat. Wer waren seine Eltern? Was gaben sie ihm mit auf seinen Weg?
Ich hoffe, nur Gutes. Denn die Psychologie weiß: einmal eingebrannte Vorurteile sitzen oft tief, sind verkapselt mit persönlichen Niederlagen und schwer wieder abzubauen.

In ,American History X‘ zumindest klappt es, und zwar durch einen Perspektivwechsel. Im Kittchen lernt Derek nämlich Lamont kennen, einen schwarzen Zellengenossen, mit dem er in der Wäscherei arbeitet. Lamont ist verantwortlich dafür, dass er das Gefängnis überlebt. Und als er wieder draußen ist, ändert Derek sein Leben radikal. Sogar seinen Bruder Danny, der sich das frühere Ich seines Bruders zum Vorbild nahm, kann er überzeugen.

Hate is baggage. Life’s too short to be pissed off all the time. It’s just not worth it.

Das ist allerdings Hollywood – und nicht die US-amerikanische Realität, in der die Rückfallquote von ehemaligen Gefängnissinsassen leider weiterhin steigt.

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