
Serie: Mindhunter (2017), Regisseur: Joe Penhall, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: Netflix
Basierend auf den Erinnerungen zweier ehemaliger FBI-Agenten, hat David Fincher seiner offensichtlichen Faszination für wahnsinnige Serienmörder wieder einmal freien Lauf gelassen und die Netflix-Serie ,Mindhunter‘ produziert. Obwohl nur für vier Episoden verantwortlich (danach Jim Davidson), zieht sich sein visueller Stil, diese glatte und elegante Bildoptik, durch alle bisherigen Folgen. Der Handlungsstrang ist dafür weniger ereignisreich als zum Beispiel in seinem Kultthriller ,Sieben‘ (1995) oder der Buchverfilmung ,Gone Girl‘ (2014). Gut so, schließlich geht es hier um eine realistische Annäherung an die Kriminalpsychologie der 70er Jahre, die damals noch in den Kinderschuhen steckte.
Wie entsteht kriminelles Verhalten?
Die Protagonisten Holden Ford (Jonathan Groff) und Bill Tench (Holt McCallany) revolutionieren in ,Mindhunter‘ die bisherigen Untersuchungsmethoden des FBI, zerlegen den Mythos des ,geborenen Verbrechers‘ in seine Einzelteile und verlagern ihre Arbeitszeit in kühle Gefängniszellen, um sich mit Serienmördern wie Ed Kemper (der eindrücklichste in der Serie) über ihre Motive auszutauschen. Holden Fords Freundin Debbie, eine kompetente Doktorandin, füttert den Agenten dabei hin und wieder mit Theoriehäppchen aus der Soziologie und wirft mit Namen wie ,Durkheim‘ um sich.
Ein Grund, um neugierig zu werden. Darauf, wie kriminelles, oder um auf der sprachlich hochemotionalen Welle der Wissenschaft zu bleiben, ,abweichendes Verhalten‘ entsteht. Sind es die Gene, die Chemie im Hirn, das soziale Umfeld, die Aussicht auf Sozialstatus und materiellen Gewinn? Oder von allem etwas?
In ,Mindhunter‘ jedenfalls hat der ,delinquente nato‘, ein 1847 von Enrico Ferri eingeführter Begriff für den geborenen Verbrecher, ausgedient. Kriminell aufgrund seines genetischen Codes? – zu einfach, wenn man die zum Teil sehr komplexen Motive eines hochintelligenten, soziopathischen Serienmörders verstehen will.
Die ,echte‘ Wissenschaft differenziert heute zwischen drei großen Forschungsgebieten, die meist ineinander übergreifen: Biochemische- und neurowissenschaftliche, Psychologische- oder soziologische Theorien.
Biochemische- und neurowissenschaftliche Ansätze beschäftigen sich zum Beispiel mit Hirnschädigungen, verursacht durch Krankheiten oder Unfälle, aber auch durch falsche Ernährung oder Drogenkonsum, die zu ,abweichendem‘ Verhalten führen. Alle Untersuchungen gehen allerdings von einer biologischen Prädisposition aus, das heißt von einer Veranlagung, die durch bestimmte Umwelteinflüsse zu kriminellen Handlungen führen kann, aber nicht muss.
Aggression, Frustration und Erregung als Katalysator
Hier beginnt auch die Schnittstelle von biologischen und psychosozialen Theorien, wobei die psychologischen Ansätze mehr das Individuum in den Fokus nehmen, während soziologische Positionen die Gesellschaft als Katalysator für Kriminalität sehen. Psychologen glauben, dass Aggression, Frustration und Erregung und der erlernte Umgang mit denselben Eigenschaften für abweichendes Verhalten verantwortlich sein können. Außerdem wichtig für die Kriminalpsychologie sind – und hier kommt ein Mann ins Spiel, den wir alle kennen – frühkindliche Erfahrungen. Die Rede ist natürlich von Freud und seinen ersten psychoanalytischen Ansätzen, wenn auch in der heutigen Wissenschaft kaum noch ernst genommen. Halt- und Bindungstheorien bieten dennoch gute Erklärungsansätze dafür, wie die Erziehung der Eltern dazu führen kann, dass ihre Kinder sich nonkonform entwickeln.
Städteverfall und Ghettrostrukturen
Soziologische Theorien gehen davon aus, dass kriminelles Verhalten erlernbar ist – so wie jedes andere Verhalten auch. Elementar sind dabei vor allem die soziokulturellen Rahmenbedingungen, d.h. die Umwelt, in der wir groß werden. Das soziale Milieu, aber auch sogenannte ,Anomien‘ können nachweislich zu abweichendem Verhalten führen. Von ,Anomien‘ spricht man, wenn soziale Regeln, z.B. in einer bestimmter Schicht, abnehmen und gesellschaftliche Normen dadurch instabil werden. Darunter fallen dementsprechend auch Städteverfall und Subkulturen, Stichwort: Migration. Aufgrund der herrschenden sozialen Benachteiligungen bilden sich in, nennen wir sie ,Ghettos‘ oder ,Brennpunkten‘, eigene Gesetze, die sich zum Teil sehr stark auf einen kriminellen Verhaltenskodex stützen. Vermutlich, um schneller zu materiellem Erfolg zu gelangen. Man spricht hier auch von einer ,sozialen Desorganisation‘ (Shaw & McKay).
Kriminalität mal andersrum: Das Labelling Approach
Anders beim sogenannten ,Labelling Approach‘, das Kriminalität durch einen Perspektivwechsel untersucht. Bei diesem Theorieansatz wird abweichendes Verhalten, das zunächst nur nonkonform, aber nicht kriminell ist, erst durch die Justiz zu einem Gesetzesverstoß. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Etikettierung (eng.: label) als Reaktion auf nonkonformes Verhalten und der damit einhergehenden Stigmatisierung, durch die regelrechte Teufelskreise für die Täter entstehen.
Rational Choice: Kriminalität als Kosten-Nutzen-Aufwand
Kriminalität ist das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Abwägung willensfreier Akteure. Kriminelles Verhalten ist rational, wenn der erwartete Nutzen höher ist als die erwarteten Kosten.
Ein etwas anderer Ansatz ist zudem der sogenannte ,Rational Choice‘, bei dem der Täter eine Art ,Kosten-Nutzen-Analyse‘ aufstellt, um sich dann zu errechnen, wie hoch seine Chancen auf Erfolg oder das Risiko für eine Strafe bei der jeweiligen Tat sein können. Hier würde der Täter allerdings äußerst rational vorgehen, was nicht unbedingt bei Serientätern greift, die z.B. wegen des Nervenkitzels zurück an ihren Tatort kommen.
Allerdings hat auch Ted Bundy von sich behauptet, in einer völlig harmonischen Familie und ohne soziale Benachteiligung groß geworden zu sein. Wenn es also weder gesellschaftliche Stigmatisierung, noch die Bindung zu den Eltern oder das Milieu es war, das bei Bundy zu so vielen, brutalen Morden geführt hat, was war es dann? Eine rein rationale Entscheidung? Sicher nicht. Also doch das Gehirn?
Integratives Konzept um Täter zu überführen
Es gibt keinen Ansatz, der abweichendes Verhalten vollständig erklären kann. Deshalb sind Kriminalitätstheorien allerdings nicht nutzlos, im Gegenteil: Ein integrativer Ansatz, der verschiedene der erklärten Positionen mit einbezieht, kann helfen, um Täter zu überführen, vor allem aber um zu präventionieren. Natürlich gelingt auch das nicht immer. Dann entstehen daraus zumindest interessante Fincher-Serien, die uns den Mythos ,Serienkiller‘ auf einem kühlen Silbertablett servieren.
Für weitere Informationen zu dem Thema: http://www.krimtheo.de