
Film: American Psycho (2000), Regisseurin: Mary Harron, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: Warner Bros.
Langsam und stilsicher fährt die Kamera durch den elften Stock des American Gardens Building in der 81. Straße in New York. Klare Linien, eine weitläufige Raumaufteilung und die minimalistische Auswahl der Farben repräsentieren das kunstvolle Penthouse, in dem Patrick Bateman (Christian Bale) residiert: Ein Wall-Street-Banker, 27 und jetzt schon steinreich.
,I belive in taking care of myself‘, sagt er, während er zu seiner morgendlichen Routine in das opulente Badezimmer schreitet und im Stehen in ein marmorweißes Klo pinkelt. Danach legt er eine Eismaske gegen geschwollene Augenlider auf, treibt eine halbe Stunde Sport auf dem kühlen Fußboden seines Apartments und geht dann zu einer ausgiebigen Gesichtspflege über, die er mit einem Aftershave ohne Alkohol (,Because alcohol dries your face and that makes you older‘), einem Eyebalm gegen erste Altersanzeichen und einer Feuchtigkeitslotion abrundet. Anschließend ist Patrick Bateman perfekt: ein faltenfreier, durchtrainierter, gesund aussehender Mann.
Perfekt sein. Wollen wir das heute nicht alle? Ist es nicht jener Selbstoptimierungswahn, unter dem unser modernes System krankt? Immer ein Stückchen besser, schöner und älter zu werden als die anderen in dieser Konkurrenzgesellschaft, die mittlerweile so glattpoliert zu sein scheint wie die Oberfläche eines Apple-Smartphones. Oder die Visitenkarte von Patrick Bateman, die er im Konferenzsaal seiner Firma rumzeigt:
That’s bone. And the lettering is something called Silian Rail.
Sein Kollege David Van Petten übertrifft allerdings mit Eierschalenfarben und einem eleganten Wasserzeichen. Eine Niederlage, die den narzistischen Yuppie-Bänker aus der Fassung bringt.
Social Media: Das perfekte Vergleichsportal
Was in den 80er-Jahren über Visitenkarten lief, geht heute über das Internet, allerdings in tausendfacher Ausführung: Social Media (Facebook, Instagram, Twitter) ist das Vergleichsportal in seiner Vollendung – rund um die Uhr und mit einer internationalen, riesigen Community mit Milliarden von Usern, die sich und ihren Lifestyle täglich mit Fotos, Stories und ,Comments‘ vermarkten, um möglichst viele Likes zu kriegen.
Glück als oberstes Gebot der Selbstoptimierung
Verändert hat sich dabei aber noch etwas: In dieser High-Tech-Community geht es nicht mehr nur noch um das perfekte Aussehen, die Hülle, mit der wir uns verpacken. Mindestens genauso wichtig ist die ,innere Entspanntheit‘, die wir jetzt ausstrahlen müssen. Der perfekte Mensch ist heute ein schöner, sich gut ernährender, ausgeglichener Mensch. Das Glück zu optimieren gehört nun auch dazu – oder mit anderen Worten: Achtsam zu sein.
Natürlich tun sich da ganze Märkte auf, die mehr Lebensfreude mit ihren Produkten versprechen. Wie? – zum Beispiel mit Fitnesspulver für ein ,better life‘ oder Yoga. In den USA macht die Yoga-Branche (laut Schätzungen vom Deutschlandfunk) über 80 Millarden Dollar Umsatz jährlich, so viel wie die drei größten Ölkonzerne in Amerika zusammen. Mit inbegriffen ist da auch die Kleidungsindustrie. Clevere Designer setzen jetzt auf Yoga-Klamotten. So zum Beispiel das Unternehmen ,Lululemon‘, das Yoga-Pants für bis zu 300 USD an den Mann bringt, obwohl Yoga auch in jeder noch so billigen Jogginghose praktiziert werden kann. Es sieht aber chic aus, sich seinen Seelenfrieden mit ,Lululemon‘-Jeggings (oder Leggins?) zu erkämpfen. Nike beim Basketball. Lululemon beim Yoga. Warum nicht?
Für noch mehr innere Ruhe bieten sich außerdem sogenannte ,Retreats‘ wie ,The Ranch‘ in Malibu, Kalifornien (mit Fotos bei Instagram errechnet sich da ein Lifestyle-Upgrade von locker 100%) an. Auf dieser luxuriösen Ranch, übrigens geführt von Ex-Banker ,Alex Glasscock‘, kann man sich für sage und schreibe 780 USD pro Tag für 7 Tage seiner Smartphone-Sucht entsagen, spazieren gehen, Sport treiben und sich von exzellenten Köchen mit ayurvedischem Essen bekochen lassen. Wow.
Lebensratschläge hagelt es dazu natürlich massenweise. Die ,Ranch-Values‘, so nennt sich der Kodex der Lifestyle-Elite, liefern lebensphilosophisch aufgeladene Sprüche wie ,Always give your best‘, ,Achieve all that you can‘ oder um es in einem kurzen Machtwort zusammenzufassen: ,GROW‘.
,Why am I so effing tired?‘
Interessant sind außerdem die Präperate, die Promis wie Gwyneth Paltrow auf dem Markt anbieten. Mit ihrem Wellness-Imperium ,Goop‘ verspricht die Schauspielerin den Weg in ein entspannteres Leben. Je komplexer da die Produkte, desto besser verkaufen sie sich. Der Renner ist zum Beispiel das Zauberpülverchen ,Why am I so effing tired?‘, in dem Ashwaghanda & Süßholzextrakt enthalten sind. Natürlich sind diese, nach Indien und damit auch nach ,Peace-of-mind‘-klingenden Ingredienzien in jedem Reformhaus billig zu haben – bei Goop kostet das schick verpackte Pulver allerdings 90 USD. Dass keine bisherige wissenschaftliche Untersuchung die Wirkung ihrer Wundermittel bestätigt, lässt Paltrow dabei kalt. Es gehe schließlich um die ,Erfahrung‘, die sie selbst nur bestätigen könne.
Meditation per App, Mantras ,chanten‘ (das heißt singen) oder sich mit teuren Zauberpulvern schmücken. Das ist der neue Schlüssel zum ,Glück‘, das wir gerne zeigen und ins Unermessliche zu steigern versuchen. Mit dem damit verbundenen Geltungsdrang, den wir im Internet ausleben, entwickelt sich daraus aber ein so nie da gewesener Narzismuß, der die Ungleichheit in unserer Konkurrenzgesellschaft extrem verstärkt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass Depressionen und depressive Verstimmungen in den nächsten Jahren zum Gesundheitsrisiko Nummer eins werden – noch vor Herzinfarkten und Rauchen.
Kapitalismus in seiner Reinform
Warum? Weil Selbstoptimierung keine Grenzen kennt, im Gegenteil: sie endet in einer verbissenen Suche nach Perfektion, einer Illusion, der wir nie gerecht werden können. Bateman selbst bezeichnet sich als solche: als eine Art abstraktes, illusorisches Ich, das zwar seinen Lifestyle mit dir teilt, aber unter dieser Oberfläche unter einem so drastischen Narzismuß leidet, dass es sogar diejenigen tötet, die es übertrumpfen. Niemand darf besser sein als er. Selbst, wenn es sich dabei nur um eine Visitenkarte handelt. Den Schein nach außen wahrt er trotzdem, lacht in Gesprächen, die ihn kalt lassen und telefoniert freudig, obwohl er überhaupt keine Emotionen mehr verspürt.
Gut aussehen, erfolgreich im Job, nichts verpassen und trotzdem stressfrei und entspannt leben – das sind die Glaubenssätze unserer ,modern society‘, in der wir unser Glück mehr inszenieren als alles andere. Wir sind zu einer Gesellschaft herangewachsen, die nur noch positive Vorzeichen kennt. Niemand muss uns mehr ausbeuten, ganz einfach, weil wir es freiwillig tun. Ist das nicht Kapitalismus in seiner Reinform?
Buchempfehlung hierzu: ,Die Müdigkeitsgesellschaft‘ von Byung-Chul Han