
Film: Leaving Las Vegas (1996), Regisseur: Mike Figgis, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Nevada Film Office
Fröhlich pfeifend schwingt er seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt, tänzelt leichtfüßig zwischen den Schnapsregalen umher und begehrt mit kindlicher Vorfreude das, was ihn später einmal umbringen wird. Ben (Nicolas Cage) ist ein Trinker – und er trinkt gern. Morgen verliert er deshalb seinen Job in Los Angeles. Und übermorgen verbringt er schon in Las Vegas, der Stadt, in der Alkohol Tag und Nacht fließt. Hier beschließt er auch, sich totzusaufen. Sich nichts mehr vorzumachen. Nur noch zu tun, was er tun will: trinken und dann sterben.
Die Anonymität eines drittklassigen, in sich selbst verrottenden Motels, in das er sich für die letzten Wochen seines tristen Lebens einmietet, soll ihm bei der eigenen Auslöschung helfen. Wer ihn findet, wird nicht viel darum geben. Nicht einmal die Putzfrau schert sich in dieser Stadt um die Agonie eines verfallenen Trinkers, denn das siehst du hier jeden Tag: Las Vegas ist ein Ort für Verlierer, anders als die meisten denken.
Sozialversager. Wie viele von ihnen wohl unter uns weilen? Manchmal begegnen wir diesen armen Graupen wie verirrten Geistern. Auf der Straße rauschen sie an uns vorbei, mit leeren Gesichtern. Wir empfinden Mitleid, und doch kehren wir ihnen den kalten Rücken, weil es eben nur flüchtige Gespenster bleiben, die uns nichts angehen.
Für den Großteil gibt es keine Rettung. Regisseur Mike Figgis, in den 90ern übrigens selbst kurz vor dem ultimativen Alkohlabsturz, möchte Ben auch nicht retten. Er will seine sukzessive Auflösung, seine Zerstörung, den Tod als letzte Sehnsucht, die ihm noch bleibt. Als sei es das unausweichliche Schicksal mancher Kreaturen, gelähmt zu werden und dann zu sterben. Vielleicht das einer ganzen Gesellschaft?
Ein letztes Geschenk macht er Ben aber noch: Die Begegnung mit Sera, einer Prosituierten aus den verlotterten Straßen von Las Vegas, die er im Vorbeigehen findet. Sie ist eine Streunerin und ohne Ziel, aber trotz des vielen Schmutzes auf engelsgleiche Weise unberührbar.
Gemeinsam wandern sie durch schillernde Nächte und gehen eine beinahe poetische Liebesbeziehung miteinander ein, die an der Wurzel einer tiefen Seelenverwandtschaft rührt. Sie verstehen einander, doch geht diese Art von Verständnis so weit, dass Sara Bens Todeswunsch akzeptiert, anstatt mühevoll dagegen anzukämpfen. Sie will ihn nicht einen Moment lang besitzen, nur noch ein wenig halten. Er lässt sie im Gegenzug dazu weiter auf die Straße gehen, und inmitten dieser Tristesse entsteht ein liebevoller Sog, in dem sich die Beiden verlieren.
We both realized that we didn’t have that much time. And I accepted him for who he was, and I didn’t expect him to change, and I think he felt that for me, too.
Jene Liebe ist es, die den Film so sehenswert macht – und den Verfall von Ben weitaus erträglicher. Die eigene Lebensfreude zu verlieren, unter dem Druck einer gesellschaftlichen Bürde, die auf manchem von uns einfach zu schwer lastet, mag für Ben am Ende nur noch ernüchternd sein, aber der Zuschauer wird davon fast erdrückt.
Warum nur sind wir so gefangen in dem Labyrinth, das wir uns selbst errichten? Darauf gibt der Film keine Antworten. Er funktioniert abseits von jeder Psychologie, die versucht Dinge zu erklären, für die es keine Erklärung gibt. Warum manche Menschen sich trotzdem zu Tode saufen, obwohl sie nochmal die Aussicht auf Liebe bekommen? Wer kann dieser Dämonie schon eine klärende Antwort entbehren?
Doch durch diese ,Rücksicht auf Gegenseitigkeit‘ zweier Liebender, die Figgis hier wie einen friedvollen Schimmer über den gesamten Plot zieht, können wir als Zuschauer gewissermaßen loslassen. ,I love you, you are my angel‘, verabschiedet sich Ben von Sera mit liebevoller Stimme, während sie halbnackt auf ihm kauert, in ewiger Liebe zu einem Mann, der am Ende alles ist, nur kein Verlierer.
Have you ever had the feeling
That the world’s gone and left you behind
Have you ever had the feeling
That you’re that close to losing your mindYou look around each corner
Hoping that she’s there
You try to play it cool perhaps
Pretend that you don’t careBut it doesn’t do a bit of good
You got to seek till you find
Are you never unwindTry to think
That love is not around
Still it’s uncomfortably nearMy old heart
Ain’t gaining no ground
Because my angel eyes ain’t here