
Film: Global Family (2018), Regisseure: Melanie Andernach & Andreas Köhler, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: im-Film Hamburg
Sie treffen sich auf einem Fußballplatz. Da ist Ibrahim Shaash in seinem Element. In seiner Heimat Somalia war er Kapitän der Nationalmannschaft und gilt dort als Legende, als Symbol für gute Zeiten. Doch als 1989 der Bürgerkrieg ausbricht, muss der Sportsmann weg. Mit zwei kleinen Kindern flüchtet er über Äthiopien und Libyen bis nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Tochter und den Enkeln in einem Reihenhaus in Bonn und macht Jugendliche fit, die lernen wollen, wie man richtig kickt. Als er mit den Dokumentarfilmern Melanie Andernach und Andreas Köhler beim Training ins Gespräch kommt, versichert er: ,Ihr wollt einen Film drehen? Dann bin ich euer Mann‘.
Filmwelle über Geflüchtete
So nahm die Dokumentation ,Global Family‘ ihren Anfang. Mit Ästhetik in Vollendung kann der Film nicht unbedingt überzeugen, verglichen mit anderen Werken über die Flüchtlingskrise, die die gegenwärtige Filmlandschaft spätestens seit 2015 erreichen. So wie Gianfranco Rosis poetisches ,Seefeuer‘ (2016) oder der Kunstfilm ,Human Flow‘ (2017), in dem Ai Weiwei versucht, die Strömungsbewegungen von Geflüchteten metaphorisch nachzuzeichnen.
Die Langzeitbeobachtung der somalischen Familie Shaash beeindruckt aber dennoch, weil sie ehrlich ist. Sie geht nah ran, verdeutlicht, was es heißt, wenn Menschen aufgrund von Flucht und Krieg auseinandergerissen werden, sich wiederfinden und einander doch wieder verlassen müssen. Sie ist roh wie das Leben selbst, nicht in kunstvoll verschönerte Bilder gepackt, nicht inszeniert, sondern ganz einfach real. Oder mit einem einzigen Adjektiv: dokumentarisch.
,Wir alle haben unsere Probleme‘, sagt Ibrahim Shaash nüchtern. Sein Bruder Arden sitzt in Italien fest, findet keine Arbeit und lebt jeden Tag mit dem geplatzten Traum, hier ein besseres Leben zu finden. Die Mutter wohnt mit dem dritten Bruder mittellos und ohne Aussicht auf Besserung in Äthiopien, weil die Lebenshaltungskosten stetig steigen und keine Arbeit da ist, aber wenigstens hat sie ein Dach über dem Kopf. Das kann ihr Sohn Arden in Italien nämlich nicht von sich behaupten. Deshalb kann er sie auch nicht zu sich holen. Ibrahim Shaash genauso wenig. Das Geld dafür ist ganz einfach nicht da. Und die Behörden wollen nicht zuhören.
Zurück zur Mutter
Ibrahims Tochter Yasmin hat es zum Glück besser. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, hat genug zum Leben, gesunde Kinder und vor allem genießt sie ein Dasein in Frieden. Was will man mehr? Den anderen soll es aber auch gut gehen. Gemeinsam fliegen Ibrahim und seine Tochter deshalb runter nach Afrika, zur Mutter, die der einstige Fußballstar 30 Jahre nicht gesehen hat. Allein das Wiedersehen der beiden wäre einen ganzen Film wert. Köhler nimmt die innigen Umarmungen von Mutter und Sohn mit intimen Close-Ups auf, wird dabei aber nie aufdringlich. Manchmal geht er sehr nah ran, zeigt zum Beispiel die tiefblauen Augen von Ibrahims Mama, die Güte und Kraft ausstrahlen, obwohl alles andere an der 90-jährigen Frau alt aussieht.
Nichts wirkt hier emotional aufgeladen, nicht mal die Filmmusik, die das Filmteam nur sehr dezent und an den richtigen Stellen einsetzt. Dennoch gewinnen wir einen sehr persönlichen Eindruck, tauchen in Situationskomik ein, die auch stark von den Kindern Yasmins ausgeht, aber geraten genauso in Krisensituationen, in denen Ibrahim mit seinem Bruder über die Lage mit der eigenen Mutter streitet, weinend und wütend. Dass er seiner Mutter nicht helfen kann, lastet schwer auf ihm.
Ich lebe jeden Tag mit diesem Schmerz
Kritisch wird der Film aber nur selten. Einen Hauch von Verständnislosigkeit lässt er dennoch durchscheinen, als die Großfamilie über den Kopf der 17-jährigen Fatima hinweg entscheidet, dass sie mit ihrer Oma wieder zurück nach Somalia soll, da, wo Frauen immer noch vergewaltigt werden. Sie ist eine tragische Figur, ein Mädchen, das durch die Flucht ihre Kindheit verlor und sich seitdem hingebungsvoll um die Großmutter kümmert. Ihr Tag sei nicht besonders, sagt sie. Ihr Leben sei nicht besonders. Waschen, sich um Oma kümmern, das war’s.
Diese Kritik geht allerdings nur über Bilder, nicht über Worte. Noch ein Pluspunkt für den Film, der sehr visuell ist. Nicht mal ein Erzähler wird gebraucht – alle Emotionen werden über die Einzelschicksale der Familie vermittelt. Und je mehr wir davon kennenlernen, desto besser?
Sympathie statt Mitleid
In diesem Fall schon. In ,Global Family‘ geht es nämlich weniger um die eigentliche Flucht, die sicherlich ein Mittel gewesen wäre, um Empathie bei den Zuschauern zu wecken. Aber was erfahren wir dadurch tatsächlich über die Menschen, die hinter diesen Horrorgeschichten stehen? Wissen wir dann wirklich, wer sie sind?
Köhler und Andernach zeigen uns deshalb, wie die Menschen leben, wenn sie hier sind. Yasmin und die Kinder zum Beispiel, sie sind trotz der familiären Situation immer noch lustig und stark, wenn sie im Wohnzimmer darüber reden, dass sie in Somalia heute auf jeden Fall ,Beckenbauer-Status‘ hätten, wäre da nicht der ,scheiß Krieg‘ ausgebrochen.
In solchen Momenten wird aus Mitleid Sympathie. Wir fangen an die Familie zu mögen, anstatt sie für ihr Schicksal zu bedauern. Das ist meiner Meinung nach, was wir wirklich brauchen. Mitleid hält nämlich immer nur so lange, bis wir den Film wieder ausschalten, womöglich gibt es sogar Menschen, die sich anschließend mit feindseliger Miene fragen: ,Warum muss ich eigentlich ständig Mitgefühl für die zeigen?‘. Zu viele solcher Geschichten überfordern nicht nur, sie ermüden leider auch.
Aus ,Global Family‘ gehen wir positiv raus, mit einem persönlichen Eindruck. Wir haben eine tolle Familie kennengelernt, mit viel Herzenswärme und Liebe füreinander. Es bleibt uns in glücklicher Erinnerung, wenn Yasmin ihren Sohn stolz als Spiderman für die Karnevalsparty in der Grundschule schminkt, und wenn er dann in den Spiegel schaut, mit den Augen rollt und sich grinsend zu seiner Mutter umdreht: ,Dein Ernst?‘.