
Film: Angst essen Seele auf, Regisseur: Rainer Werner Fassbinder, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: Filmarchiv Austria
Angst essen Seele auf. Soweit ich mich erinnere, waren diese vier Worte damals ausschlaggebend für mich, das gleichnamige Drama von Rainer Werner Fassbinder anzusehen. Ich gebe zu, den Inhalt des Films kannte ich erst, als ich ihn sah – viel anziehender, viel mächtiger wirkte der Filmtitel auf mich. Angst essen Seele auf. Wenn der Film auch schon 1974 erschienen ist, so ist seine politische Relevanz umso gegenwärtiger. Noch heute sehe ich in Fassbinders Filmnamen eine poetische Weisheit, die zeitlos ist. Denn die Angst des Menschen ist zeitlos, sie hat immer existiert und sie tut es heute, durchaus auch in positiver, aber viel häufiger in negativer Form.
Die negative Ausprägung dessen, in dem Fall die Furcht vor der Fremde und dem Unbekannten, beschreibt Fassbinders tragische Geschichte über Emi und Ali, einen Gastarbeiter aus Marokko, der sich auf die 20 Jahre ältere Frau einlässt. In dem Drama erleben wir Personen mit beinahe ausländerfeindlichen Reflexen, fast so, als wäre Rassismus eine natürliche und zugleich grässliche Eigenart des Menschen – wie Folter. Emi spürt diese Art der Ausgrenzung jeden Tag, seit sie eines Abends in einer arabischen Kneipe gelandet ist und sich dort hoffnungslos in Ali verliebt hat.
In beklemmenden Bildern zeigt Fassbinder danach das, was kommen muss, wenn Ängste die Köpfe der anderen Menschen regieren. Das ungleiche Paar, sie, eine geschiedene Putzfrau, deren Alltag in hoffnungsloser Eintönigkeit versinkt, und er, der nach Deutschland kam, weil er sich hier ein besseres Leben versprach, trifft auf knallharte Ablehnung. Der Verkäufer von nebenan will Emi nicht mehr bedienen, ihre Kolleginnen, völlig überzeugt von der Rechtmäßigkeit der eigenen Ignoranz, reden auf der Arbeit nicht mehr mit ihr, selbst die eigenen Kinder deffamieren sie als ,Hure‘, weil sie mit einem Gastarbeiter zusammen ist. Ein hoher Preis, den Emi für diese neue, sehr ungewöhnliche Liebe zahlen muss – und am Ende nicht mehr zahlen will.
Ich bin so glücklich auf der einen Seite, und auf der anderen halte ich das alles nicht aus. Dieser Haß von den Menschen. Von allen, allen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre mit dir ganz allein auf der Welt und keiner um uns rum. Ich tu nämlich immer so, als machte mir das alles gar nichts aus, aber natürlich macht es mir etwas aus.
Auch Ali kann dem Druck nicht standhalten, den Beschimpfungen und den falschen Vorurteilen, die ihm wenig Chancen für eine gelungene Integration lassen. Er ist der Araber, er gehört zu dem ,niederen Gesindel, das nicht arbeiten will‘ und ,die christlichen Werte der Deutschen‘ zerstört.
Kommentare, die uns im Kontext der derzeitigen Flüchtlingdebatte nicht fremd sind. Dabei hatte uns Fassbinders Filmtitel doch schon vor über 40 Jahren gewarnt.
Of course, this cannot happen
Davor, dass Angstentscheidungen fast immer die falschen Entscheidungen sind, und am Ende geraten wir deshalb in Situationen, die wir so nie wollten, und wir fragen uns hinterher ratlos: Wie konnte das nur passieren? Ja, wie konnte das einst so ,vereinte Europa‘ zu einem Haufen von Rechtspopulisten zusammenkrachen, die genau diese Xenophobie ausnutzen, unter der wir leiden, um die eigenen Machtverhältnisse zu stärken? Wie konnte die ,ach so demokratische‘ USA einen prollenden Despoten an die Macht wählen, einen, der jetzt eine Einwanderungspolitik mit Null-Toleranz betreibt und ganze Familien an der Grenze trennt, die Unvorstellbares durchgemacht haben.
Ich möchte in diesem Artikel nicht darüber diskutieren, was politisch richtig wäre. Ich meine, ich könnte natürlich darüber reden, wie scheinheilig Präsidenten wie Donald Trump sind, die alle Verantwortung von sich schieben, obwohl die USA z.B. durch fragwürdige Kriegsführung, inbesondere im nahen Osten, ganze Länder kaputt gemacht hat, und als Gipfel dieses Trauerspiels jetzt sogar noch aus dem internationalen Klimaabkommen ausgestiegen ist. Wenngleich der Klimawandel neben Krieg, Unterdrückung und wirtschaftlichen Missständen jetzt schon ein Grund ist, zu emigrieren. Ich könnte auch über die Medien sprechen, die eine regelrechte Hetzjagd forciert haben, weil Polemik mehr Schlagzeilen macht als Moral. Ich könnte. Aber das nur am Rande.
Viel wichtiger ist doch die Frage, was Angst mit uns Menschen macht – weil sie der Zünder ist, für all das, was jetzt schon politisch los ist. Einmal in unsere Gehirne gekrochen, breitet sie sich langsam aus. Wie ein Wurm, der sich durchfrisst, in unsere kostbare Seele. Anfangs noch durch Güte und Courage gekennzeichnet, löst sie sich allmählich auf, und es verschwindet das, was wir einmal Menschlichkeit nannten.
Globale Konflikte haben immer zu großen Gefahren geführt, keine Frage. Aber die größte Gefahr war und ist immer, die Courage zu verlieren. Die Menschlichkeit. Wenn ich mir die laufende Debatte über Migranten allerdings ansehe, weiß ich genau: Wir sind, once again, auf einem guten Weg, diese Courage zu verlieren. Angst essen Seele auf.