Black Mirror: Zukunftsangst ist ein schlechter Ratgeber

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Serie: Black Mirror (2011), Produzent: Charlie Brooker, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: Netflix

Die britische Serie ,Black Mirror‘ zeichnet düstere Zukunftsszenarien durch digitale Umwälzungen in unserer Gesellschaft. Einige der Folgen haben erschreckend prophetischen Charakter. Doch wie schlimm steht es wirklich um uns?

Ja, seit Huxleys ,Brave New World‘ geht permanent die Welt unter: Der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft und an den technologischen Fortschritt hat sich zur Angst vor der Dystopie entwickelt.

Tatsächlich sind einige ,Black-Mirror‘-Folgen, die mit kritischem Blick auf die digitale Welt schauen, bereits wahr geworden: In ,Abgestürzt‘ (Staffel 3) zum Beispiel hängt sozialer Status von der Popularität in einem sozialen Netzwerk ab. Ein ähnliches Sozialpunktesystem ist in Teilen Chinas bereits seit Anfang 2018 aktiv. 2020 soll es auf die gesamte Volksrepublik ausgeweitet werden. Ein Worst-Case-Szenario: Technologie als gelebter Alptraum.

Allerdings ist Produzent Charlie Brooker nicht der Einzige, der mit seiner Netflix-Serie vor der digitalen Apokalypse warnt. Überhaupt scheinen die Medien die Angst vor dem Forschritt zu befeuern: Ein totalitärer Überwachungstaat durch digitale Gesichtserkennung, die systematische Zerstörung der Demokratie mittels Vorratsdatenspeicherung, der Wegfall von Millionen Jobs durch selbstfahrende Autos (in ,Black-Mirror‘ übrigens durch einen selbstfahrenden Pizzadienst prophezeit), ja, sogar der Niedergang der Menschheit, verursacht von Apps wie ,Replika‘, die digitale Versionen ihrer Nutzer erstellen kann.

Die digitale Revolution ist längst da

Was aber, wenn Kunst und Medien unser Bild vom technologischen Fortschritt gewissermaßen verzerren? Ist es nicht jene Zukunftsangst, die ihre Bahnen derzeit durch alle gesellschaftlichen Großthemen zieht? Führt diese Form der Angst nicht vielmehr zu einem gesellschaftlichen Ausschluss, zu der Flucht vor einem Zeitalter, dem wir sowieso nicht mehr entfliehen können? Schließlich ist die digitale Revolution längst da, und die Frage danach, ob wir die damit verbundenen Veränderungen wollen, ist obsolet geworden.

Wie wir mit eben diesen Veränderungen umgehen wollen, allerdings nicht. Natürlich birgt die Digitalisierung Gefahren, insbesondere in Form von künstlicher Intelligenz, weil wir nicht genau wissen, wo da die Grenzen liegen. Aber der Mensch selbst ist immer noch derjenige, der entscheidet, wie weit er gehen will. Brooker klagt mit ,Black Mirror‘ schließlich auch nicht die Technologie als solche an, sondern den Umgang der Menschen mit derselbigen. Und eine Dystopie wäre dementsprechend auch keine Dystopie, wenn sie kein übertriebenes Gesellschaftsbild zeichnen würde, zu dem es im Zweifelsfall kommen könnte, aber eben nicht muss.

Welche Gefahren existieren tatsächlich?

Genau da liegt das Problem. Wir rennen hier keinem unausweichlichen Schicksal in die Arme, wie von Medien und Serien gerne vorausgesagt, sondern haben Möglichkeiten. Wenn wir mit Optimismus an die Sache rangehen, dann sollten wir uns fragen: Welche Gefahren existieren tatsächlich und wie können wir sie eindämmen?

Weit verbreitet ist zum Beispiel die Angst davor, Künstliche Intelligenz könne die des Menschen überholen. Auch wenn einige Visionäre im Silicon Valley glauben, dass dies sehr bald der Fall sein könnte – noch gibt es dafür keinen einzigen wissenschaftlichen Anhaltspunkt. Die menschliche Intelligenz ist nicht nur an die kognitiven Leistungen des Gehirns gebunden, sondern auch an soziale Bindungen, die ja auch durchaus paradox sein können. Ein Roboter ist nicht dazu in der Lage, jemanden zu lieben, ihn für das, was er einem getan hat, aber gleichzeitig zu hassen. Eine Maschine empfindet keine Reue, keine Moral. Sie kann sich auch nicht lebhaft an Diskussionen beteiligen. Wer glaubt, Apps wie ,Replika‘ könnten wirklich einen Freund erschaffen, mit eigenem Ich- Bewusstsein, der dann alles mit uns teilen kann, der irrt sich. Noch jagen wir da einer Fantasie hinterher.

Eine Welt, in der Maschinen uns beherrschen, ist demnach ganz weit weg. Im Gegenteil: Bisher gilt in weiten Teilen der Zukunftsforschung die Meinung, dass es gar nicht darum gehe, KI mit menschlicher Intelligenz gleichzusetzen.

Es geht bei der Entwicklung viel eher darum, in unstrukturierten großen Datenmengen Muster zu erkennen

sagt Benjamin Kees, der ein Forum für Informatiker leitet, die an gesellschaftlicher Verantwortung und Frieden interessiert sind. Natürlich könne das in Bereichen wie der Waffenindustrie zu Problemen führen, etwa, wenn Drohnen automatisiert Menschen töten könnten, aber für viele andere Anwendungsgebiete sei die KI durchaus nützlich, darunter automatische Lernverfahren, die dabei helfen, Frühwarnsysteme bei Umweltkatastrophen zu entwickeln.

Der Wegfall von Jobs ist in den Medien ebenfalls ein alarmierendes Problem. Doch auch hier muss Künstliche Intelligenz nicht gleich Arbeitlosigkeit bedeuten. Umfragen bestätigen, dass KI viel mehr dafür gesorgt habe, dass sich die Verhältnisse in Unternehmen verschoben hätten. Laut einer Studie des Capgemini Digital Transformation Institutes erklärten 63% der befragten Unternehmen (circa 1000), die bereits KI einsetzen, dass keine Jobs verloren gingen. Im Gegenteil: Mehr Führungskräfte würden gebraucht.

Letztes Beispiel für die Angst vor der digitalen Zukunft: Videoüberwachungssysteme, wie die automatische Gesichtserkennung in einem Berliner Bahnhof. Gefährlich wird das aber nur dann, wenn wir uns nicht kritisch mit den dahinter stehenden Interessen von Politik und Wirtschaft auseinandersetzen. Natürlich darf der Einsatz von Videoüberwachung mit biometrischer Gesichtserkennung nicht dazu führen, dass Menschen wahllos von den Sicherheitsbehörden durchleuchtet werden. Das Gleiche gilt für die Vorratsdatenspeicherung. Wir sollten uns dementsprechend aktiv damit auseinandersetzen, Transparenz von Politik und Konzernen fordern, anstatt uns aus Angst vor der Zukunft gänzlich zu entziehen. Das Schlimmste, was wir tun können, ist demnach: Nichts zu tun.

Wichtig ist, dass wir uns als Mitgestalter unserer Zukunft sehen, und dazu gehört auch, dass wir das Pendel unserer Möglichkeiten nicht immer in Richtung Katastrophe schwingen, sondern optimistisch zu bleiben, sicher mit einer gesunden Portion Misstrauen gegenüber bestimmten Entwicklungen, aber ohne lähmende Zukunftsangst.

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