
Film: The Thin Red Line (1998), Regisseur: Terrence Malick, Lesedauer: 10 Minuten, Bild: Phoenix Pictures, Geisler-Roberdau und Fox 2000 Pictures
Ich war fünfzehn, als ich Francis Ford Copollas Kriegsepos ,Apocalypse Now‘ gesehen hatte, und ich dachte: Nach ihm hätte kein Kriegsfilm mehr gedreht werden sollen. Dieser Regel möchte ich heute endgültig eine Ausnahme einräumen. Sie heißt: The Thin Red Line. Beide Filme mystifizieren das Böse auf eine einzigartige Weise. Doch da, wo ,Apocalypse Now‘ psychedelisch ist, ist ,The Thin Red Line‘ poetisch, und wo ,Apocalypse Now‘ den Wahnsinn des Krieges verherrlicht und ästhetisiert, versetzt einen ,The Thin Red Line‘ in einen beinahe meditativen Zustand, der sich eben diesem Wahnsinn entzieht.
Es sind jene Bilder der Natur, mit denen Regisseur Terrence Malick das filmisch umsetzt: Die schmal geschwungenen Hügelketten inmitten einer Insel im Südpazifik, mannshohe Grashalme wehen hier im Wind, streicheln den Soldaten über ihre mit Helmen geschützten Köpfe. Sie robben vorsichtig über den feuchten Boden, umklammern angstvoll ihre Maschinengewehre. Sie alle wissen, was sie erwartet: Gewalt. Viele von ihnen werden hier Draußen sterben, in der Schlacht um die Anhöhe auf der Insel Guadalcanal östlich von Neu-Guinea im Jahre 1942/43 mit den Japanern.
Plötzlich fallen Schüsse. Panik bricht aus, Soldaten fallen zu Boden und man brüllt sich an. Doch inmitten dieses leidvollen Terrors fällt einem der Männer ein Blatt auf, so außergewöhnlich schön, und es tropft Regen an ihm herunter. Dann hört der Lärm auf, die Schreie klingen ab, man zieht sich zurück. So, als hätte die Natur die Gewalt unter ihren Sträuchern wieder begraben.
Woher kommt das Böse?
Diese Ruhe zwischen dem Horror, die Bäume, in die hoffnungsvoll Licht fällt und die zwitschernden Vögel, die über all das erhaben sind, macht sie den Krieg erträglicher? Macht sie ihn vielleicht sogar fassbarer? Woher kommt das Böse? Wie hat es sich seinen Weg in diese Welt gebahnt, des Menschen Seele mit Dunkelheit umhüllt? Woher kommt das Töten und der Krieg? Erwächst es in uns selbst? Können wir ihm überhaupt entrinnen, in Situationen wie diesen?
Aus Malicks Perspektive auf das menschliche Dasein sind dazu nur wenige in der Lage. Vielleicht muss das eigene Herz auch versteinern, um sich an die Moral des Krieges zu gewöhnen, die eigentlich gar keine mehr ist. Sie hat sich, in den meisten Fällen, längst aufgelöst, in Abgestumpftheit, und den vergessenen Wunsch, in dieser Widerwärtigkeit immer noch menschlich zu bleiben. Ist es zynisch zu behaupten, dies sei schwerer als das gleichgültige Töten eines anderen, möglicherweise sogar unschuldigen Menschen?
Die Gefallenen sind wie tote Hunde am Straßenrand
Nick Nolte zum Beispiel fühlt unter der verlogenen Geilheit nach einer Karriere bei der Army nur noch Bitterkeit, John C. Reilly hat sich an den Anblick von Leichen längst gewöhnt und steckt sich mit einem skruppelosen Pragmatismus Zigaretten in die Nase, um diesem zu entgehen. Für ihn sind die Gefallenen, ob Japaner oder Amerikaner, wie tote Hunde am Straßenrand.
I look at that boy dyin‘, I don’t feel nothin‘. I don’t care about nothin‘ anymore.
Sean Penn dagegen ist noch nicht ganz taub. Manchmal möchte er weiterhin an das Licht glauben, das Jim Caviezel umgibt, den man, obwohl es in ,The Thin Red Line‘ keinen richtigen Hauptdarsteller gibt, durch die philosophischen Voice-Over noch am meisten mit dem Film verbindet. Er scheint auf wundersame Weise unberührbar, abgeschirmt durch eine Kraft, die er möglicherweise aus der Schönheit der Natur nimmt. Sie lässt ihn durch diesen Krieg gleiten, so als würde er einen Nachtspaziergang machen – er stirbt, noch bevor die Sonne aufgeht. Beinahe in Frieden.
You still believin in the beautiful light are ya? How do you do that? You’re a magician to me.
Und so, wie die grausamen Seelen, die, die den toten Japanern die Zähne rausschlagen, weil sie sie als Andenken behalten wollen, jenen begegnen, die noch einen Funken Licht in sich tragen, begegnen wir auch den Bildern von Terrence Malick. Sie sind atemberaubend und beängstigend zugleich, sie sind schön, sie sind hässlich, sie sind Leben. So wie die Natur. Ihre Dualität spiegelt sich in der Gesamheit von ,The Thin Red Line‘ wieder, wie Caviezel sagt.
One man looks at a dying bird and thinks there’s nothing but unanswered pain… Another man sees that same bird, feels the glory, feels something smilin’ through it.
Laut Copolla können wir dem Horror nur entgehen, wenn wir ihn annehmen, mit ihm eins werden. Von Malick lernen wir, dass zwischen dem Bösen, das möglicherweise sogar von uns selbst ausgeht, immer noch Schönheit liegt. Und wir haben die Wahl, uns dafür zu entscheiden. Lassen wir sie zu, kann unsere Seele trotz der erlebten Horrorszenarien noch in Frieden baden, in Hoffnung, dem Guten: Wie Caviezel vor seinem Kampfeinsatz in den Wellen, mit den Ureingeborenen, die singen: God Yu Tekem Laef Blong Mi. Was auch immer dies bedeuten mag, es klingt fröhlich.
One saw a fish lying at the beach, thrashing around and fighting, and by himself he thought: „This fish is like me. I struggle and fight against everything instead of accepting it. In the end I will die – like this fish. But will I feel serenity?“ And he was worried. Another saw the same fish, thrashing around and fighting, and by himself he thought: „Oh, poor fish. Calm down. Let yourself drift. Like I do. The finality of death is certain. For all of us. Why clinging to all those things, which lead into transience? Let your soul shine by letting yourself go.“ And he was smiling.