Carlito’s Way: Almost Paradise

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Film: Carlito’s Way (1994), Regisseur: Brian DePalma, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Universal

In einer Welt, in der Gut und Böse nur scheinbar existieren, in der sich Gesetze vermischen, legal und illegal, je mehr du hinter die Kulissen siehst, ist es schwer ein Ehrenmann zu sein. In Wirklichkeit gelten in der Welt des Kriminellen, in der Welt der Straße, gar keine Regeln. Den mystifizierten Kodex, auf Charisma und Loyalität bauend, lebt hier kaum einer.

Einer vielleicht. Carlito Brigante. Brian DePalma hatte ihn 1994 mit seinem Thriller ,Carlito’s Way‘ ins Leben gerufen: Diesen Gangster, der nach seinem Knastaufenthalt endgültig versucht der brutalen Härte der Bronx zu entfliehen, der irgendwie sauber bleiben will, damit nichts mehr schief geht – und am Ende geht alles schief.

Das verrät uns schon der Anfang des Films. Eine Bauchlandung von DePalma? Auf keinen Fall, denn obgleich wir wissen, dass der Film tragisch endet, hoffen wir auf das Gegenteil. Wie schafft es DePalma, das Versatzstück von Carlitos Tod, dem langen Close-Up, in dem wir in sein sterbendes, von Reue erfülltes Gesicht blicken, augenblicklich aus unserer Erinnerung zu löschen, sobald der Film wieder in eine helle Popup-Palette übergeht?

Indem er uns alles durch Carlitos Augen sehen lässt. Wir erleben die Geschichte nicht nur mit, sondern durch ihn. Von Anfang an. Damit stellt der Regisseur eine intensive, ja sehr viel tiefere Nähe zum Protagonisten her, als wir sie sonst von ihm gewohnt sind. Noch viel besser als in seinem humanistischen Mysteryfilm ,Blow Out‘, was möglicherweise auch an der exzellenten Darstellung von Al Pacino liegt. Ihm dürfte die Rolle im Übrigen auch nicht schwer gefallen sein, wo er doch selbst in Little Italy aufwuchs. Höchstens die Umstellung von einem Italo-Amerikaner auf einen eigentlich verfeindeten Hispano (das puerto-ricanische Pendant zu den Italienern), denen normalerweise eine etwas seichtere Form der Gestikulation inne wohnt, könnte ihm ein Dorn im Auge gewesen sein. Vielleicht provoziert ein Geschäftspartner Carlito an einer Stelle deshalb damit, dass er genauso gut Italiener sein könne. ,Warum das denn?‘, erwidert Carlito. ,Wegen deiner Nase.‘

Wir, die Zuschauer, hoffen jedenfalls, dass Al Pacino es schafft. Was, wenn es ihm doch noch gelingt in das von ihm ersehnte Paradies zu entfliehen, zu seinem Freund auf den Bahamas, der eine erfolgreiche Mietwagenfirma besitzt? Dann endlich ist er angekommen. Er braucht nur ein bisschen Startkapital, das er seriös in einem Nachtclub namens ,El Paraíso‘ verdienen will. Und er will nicht allein gehen. Er will seine geliebte Gail (Penelope Ann Miller) mitnehmen, der er das Paradies versprochen hat. Sechs Jahre hat sie auf ihn gewartet, während er im Gefängnis saß. Sie, die schöne Blonde, mit einer Haut wie Sahne, ist Tänzerin. Doch der Traum von einer Karriere im Ballett ist in einem erotischen Club im New York der 70er Jahre zwischengelagert, in dem sie jetzt ihr Geld verdient. ,Maybe it is time for me to find a new dream‘, räumt sie vor Carlito ein. Zeit für ein Leben auf den Bahamas. Mit ihm. Aber Carlito, er ahnt es

The dream don’t come no closer by itself. We gotta run after it now.

läuft die Zeit davon, und das ist unter diesem Umstand umso katastrophaler. Er weiß, dass ihn die Straße wieder zurückholt, wenn er nicht aufpasst, nicht auf der Hut ist, vor all den anderen Gangstern, die zwar von Freundschaft reden, aber die keine Freunde sind. In diesem Spiel gibt es keine Freunde. Außer einen. David Kleinfeld, den Sean Penn übrigens mit einer brillianten Abgeklärtheit spielt, hat Carlito schließlich aus dem Gefängnis geholt. Für ihn ist er wie ein Bruder. Und während seiner Zeit im Gefängnis hat der Anwalt Karriere gemacht – nur nicht als Jurist, sondern als Bandit.

Kleinfeld bittet seinen Freund um einen Gefallen, eigentlich ein Verbrechen, und sofort weiß Carlito, dass er sich von ihm fern halten sollte. Doch die Ehre kennt keine Kompromisse. Er kann seinen Freund nicht im Stich lassen, unter keinen Umständen.

Never give up your friends. No matter what.

Als Gail von der Entscheidung Carlitos erfährt, bricht sie zusammen. Sie sagt ihm, dass sie weiß, wie es enden wird, wenn sie ihn um drei Uhr morgens in irgendeiner Notaufnahme vor den Mafiosis überwacht, in der die Ärzte versuchen werden, ihn wiederzubeleben. Es ist ein ernüchternder Moment, und jetzt katapultiert er uns schlagartig wieder in die Eröffnungssequenz, die unser Herz in der Erkenntnis zum Stillstand bringt, dass Gail absolut recht hat. Auch Carlito ist klar, dass etwas schief gehen wird, aber er kann die Katastrophe nicht abwenden.

It’s who I am Gail, it’s what I am. Right or wrong, I can’t change that.

Am Ende hat Kleinfeld ihn verraten. Doch nicht mal das bringt Carlito dazu, ihn an an die Polizei auszuliefern. Seine Prinzipienhaftigkeit steht über allem – und das macht ihn, zumindest für mich, zu einem starken und selbstsicheren Charakter.

Der Traum vom Paradies schwebt über ihm. Er wird es nicht erreichen. Er wird auf dem Weg zu seinem Glück erschossen werden, von irgendeinem Gangster, den er einmal gehen lassen hatte. Carlito wusste, dass diese Altlast eines Tages auf ihn zurückfallen würde. Nur nicht wie bald. Und jetzt, am Ende von DePalmas Drama, blickt er angeschossen auf eine in pink getauchte Werbetafel. Ein letztes Mal verspricht sie ihm den Ausbruch auf die Bahamas, da, wo die Frauen ausgelassen in der dämmernden Sonne tanzen, mit einem kühlen Drink in der Hand, und er wird ganz müde…

Can’t come with me on this trip, Loaf. Getting the shakes now, last call for drinks, bars closing down… Sun’s out, where are we going for breakfast? Don’t wanna go far. Rough night, tired baby… Tired…

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