
Film: Styx (2018), Regisseur: Wolfgang Fischer, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: 24mm Film GmbH
,Es ist leer‘, flüstert der kleine Junge, der mit müden Augen auf den Ozean starrt – und man könnte glauben, er meint sich selbst damit. Gerade hat Kingsley, so heißt er, noch einen Selbstmordversuch unternommen. Aber er redet nicht von sich, wenn er diese Worte vor sich hin stammelt. Er meint den großen Fischtrawler, der gerade vor seinen Augen untergeht. Ein Flüchtlingsboot, auf dem sich scheinbar keine Menschen mehr befinden. Nicht mal seine Schwester. Deshalb sieht er auch keinen Grund mehr zu leben.
Aber er lebt. Die Einhandseglerin Rike (Susanne Wolff) hat ihn gerettet. Sie befreit ihn aus dem ,Ozean des Grauens‘, auf den Wolfang Fischer mit seinem Filmtitel ,Styx‘ anspielt. In der griechischen Mythologie ist der Fluss Styx die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Unterwelt, neun Mal umfließt Styx Hades, eine Art Zwischenreich.
Angriff auf das politische Leadership
Auch wenn der Film schon lange fertiggestellt wurde, bevor Italiens neue Regierung im Amt war – jetzt wirkt ,Styx‘ wie ein brandaktueller Angriff gegen das politische Leadership, das mit Salvini nicht nur die Häfen vor Italiens Küsten dicht macht, sondern auch gegen Privatpersonen ermittelt, die eingreifen.
Rike, die Notärztin aus Köln, kann aber nicht anders. Auf ihrem Weg zu der Insel Ascension, die Charles Darwin 1836 entdeckt hatte und möglicherweise als Anspielung auf das ,Gesetz des Stärkeren‘ gilt, gerät sie auf dem Atlantik in einen Sturm, den Kameramann Benedict Neuenfels bildgewaltig, aber nicht reißerisch filmt. Er ist allerdings nicht das Schlimmste, was ihr passiert. Das Flüchtlingsboot, das anschließend vor ihr auftaucht, demonstriert noch viel mehr Machtlosigkeit. Intuitiv fährt die erfahrene Seglerin auf den Trawler zu, in das Geschrei, das wir mit anhören. Sie sieht die Leute springen, um zu ihrem Boot zu kommen. Aber ihr Boot ist zu klein. Viel zu klein.
Kinglsey (Gedion Oduor Wekesa) schafft es trotzdem, ihren Rettungsring zu erreichen. Verzweifelt bittet er sie um Hilfe für die anderen. Aber Rike weiß nicht, wie. Erstmal rudert sie zurück, sie verständigt die Küstenwache – und wartet vergebens. Bis zum Ende erfährt der Zuschauer nicht, warum die professionellen Helfer nicht rechtzeitig zur Stelle waren. Weil sie woanders gebraucht wurden? Es wäre die harmloseste Erklärung.
,Dort leiden und sterben Menschen‘
Überhaupt lässt Fischer wenig Platz für Aufklärung. Ab jetzt geschieht nicht mehr viel in diesem Film: Wir wissen weder, wie viele der Flüchtlinge überleben, noch wo sie herkommen, was mit Kingsley passiert und ob seine Schwester tatsächlich tot ist. ,Styx‘ lässt uns mit dumpfen Schuldgefühlen zurück und konfrontiert uns damit, dass es uns gut geht und dort leiden und sterben Menschen.
Fischer gelingt das allerdings ohne Theatralik – und es ist gut, dass hier nicht auf die moralische Tränendrüse gedrückt wird. Viel mehr funktioniert ,Styx‘ wie ein Dokumentarfilm, schonungslos und realistisch. Geredet wird kaum, und alles, was passiert, stellt Fischer bedacht und kühl dar – fast so wie in J.C. Chandors ,All Is Lost‘. In ,Styx‘ gibt es keinen Helden. Keine Wärme. Es gibt nur den kalten Atlantik, in dem die Menschen ertrinken, während Kingsley und Rike in Sicherheit dabei zusehen.
Und wir, die Zuschauer, sehen ebenfalls zu. Der Unmittelbarkeit dieses Filmes können wir nicht entrinnen. Das gleichgültige Wegsehen, das wir Europäer mittlerweile so routiniert beherrschen, gilt hier nicht. Wir sind es doch, die sich fragen müssen: Wie hättest du gehandelt?
Moral apathy
Denn ,Styx‘ beschreibt ja nicht nur das alltägliche Sterben von Flüchtlingen auf dem Meer – der Film ist trotz seiner Angriffslust auf die europäische Politik auch eine Allegorie auf das Dilemma, in dem sich diese Politik eben derzeit befindet. Rike will helfen, aber sie kann nicht jedem Flüchtling zur Rettung eilen, weil ihr Boot sonst selbst untergehen würde. Welche Kapazitäten haben wir, woran werden diese gemessen und in welchem Verhältnis steht das zu unserer menschlichen Verpflichtung? Dürfen und müssen wir vielleicht sogar einen instrumentellen Nutzen von Geflüchteten erwarten, damit sie ein stabiles Leben in Europa führen können?
Aber wer sind wir, wenn wir unsere eigene Sicherheit über die der anderen stellen? Wenn wir dadurch ignorieren, was da Draußen geschieht? Ist das nicht jene Apathie, mit der wir jeden Tag leben? Oder um es in diesem Zusammenhang mit den Worten von Autor James Baldwin zu beschreiben:
I’m terrified at the moral apathy, the death of the heart, which is happening in my country. And this means that the people have become, in themselves, moral monsters.