
Film: A Woman Captured (2018), Regisseurin: Bernadett Tuza-Ritter, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Partisan Filmverleih
Ihre Hände stützen ein hartes Gesicht, gezeichnet von bitteren Erfahrungen. Es fließen Tränen an den knochigen Wangen runter, doch es gibt auch Hoffnung. Wenig später sehen wir diese rauen Hände erneut, sie kleben einer Jesusfigur aus Porzellan den zerbrochenen Arm wieder an, weil der Glaube nicht ganz verloren ist. Marish, die in diesem Haushalt als Sklavin gehalten wird, darf auch nicht aufgeben. Sonst stirbt sie hier, bei der ungarischen Familie, die sie täglich misshandelt und ihr das genommen hat, was das Leben eines jeden Menschen erst lebenswert macht: ihre Würde.
,Ich bin immer da, wo das Glück nicht ist‘, sagt Marish, die 53-Jährige, die schwer gealtert ist in den letzten zehn Jahren, die sie bei ihren Peinigern verbracht hat. Doch sie sind es auch, die ihr das verloren gegangene Glück am Ende direkt mit ins Haus bringen. Eta, das Familienoberhaupt, trifft die Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter durch Zufall und prahlt mit ihren Bediensteten. Natürlich könne sie bei ihr Zuhause drehen, solange die anderen einverstanden seien.
Sie sind einverstanden, und ohne zu wissen, was moderne Sklaverei eigentlich ist, begleitet die Regisseurin Marish über ein Jahr durch die Hölle. In diesem Fall muss man deshalb also tatsächlich von einer ,dokumentarischen‘ Hilfeleistung sprechen. ,Ich habe sehr oft daran gedacht, aufzuhören‘, erzählt die Filmemacherin von ,A Woman Captured‘, Preisträger des Hungarian Film Awards, ,aber dann hätte ich Marish aufgeben müssen – und das kam für mich zu keinem Zeitpunkt in Frage‘.
Sie muss miterleben, wie Eta sich ohne jedes Schuldbewusstsein über Marish lustig macht, ihr körperliche Gewalt antut und sie wegschubst, weil sie die Kartoffeln ,falsch‘ schält. ,Du bist nichts wert. Da staunst du über deine eigene Dummheit, nicht wahr?‘, brüllt sie.
Marish wehrt sich nicht, lässt alles über sich ergehen, sich das Geld wegnehmen, das sie eigens in einer Fabrik verdient, in der sie täglich acht Stunden arbeitet und anschließend den Haushalt macht. Sogar die Tochter hat Eta ihr genommen, erzählt sie der Regisseurin beiläufig, als gehöre das zu einem unaufhaltsamen Schicksal, mit dem sie längst abgeschlossen hat. Die Kleine sei jetzt in einem Kinderheim, sei weggelaufen, weil sie die Schikanen von Eta nicht mehr ausgehalten habe.
,Ich zittere vor Angst, wenn ich an eine Flucht denke‘
,Warum läufst du nicht auch weg?‘, fragt Tuza-Ritter sie. Die Antwort ist einfach: Marish hat Angst. ,Ich zittere vor Angst, wenn ich an eine Flucht denke‘. Es ist für uns kaum vorstellbar, wie viel Macht Eta, dieser personifizierte Dämon, ausübt. Ihr Gesicht dürfe die Regisseurin nicht filmen, sagt sie. Dafür sehen wir ihre geschmacklosen, künstlichen Fingernägel und die Hände, mit denen sie wild gestikuliert, wenn sie sich als Samariterin ausgibt, die Marish keine Vorschriften mache. Ihr Auftreten wirkt dadurch völlig grotesk und macht den Film auf unabsichtliche Weise umso kunstvoller.
Tatsächlich darf Marish nur selten das Haus verlassen, bekommt Essensreste und Zigaretten. Sie fristet ein Leben in Leere. Tuza-Ritter erinnert sie allerdings daran, dass es da Draußen noch eine andere Welt gibt, dass Möglichkeiten existieren. Gemeinsam planen sie die Flucht, und es ist schön diese Entwicklung zu sehen, das Vertrauen, das Marish langsam aufbauen kann.
Der Schritt in die Freiheit gelingt. Ihren Sklavennamen hat Marish inzwischen abgelegt. Eigentlich heißt sie Edith. Edith, die heute mit Tochter und Enkelin in einer Mietwohnung lebt, Arbeit hat und vor allem: ihre Würde zurück.
Moderne Sklaverei ist weit verbreitet
Doch so schön wir diesen Umstand auch finden: Weltweit gelten immer noch 45 Millionen Menschen als Gefangene der modernen Sklaverei, davon allein 1,2 Millionen Menschen in Europa, also mitten unter uns. Zwangsprostitution, Zwangsehen, Versklavung von Kindern oder häusliche Knechtschaft fallen unter die Definition von modern slavery.
Auch in Deutschland werden immer noch etwa 14.500 Menschen ausgebeutet. Das Bundeskriminalamt geht sogar davon aus, dass jährlich einige 10.000 Frauen hier her geschleust und zwangsprostituiert werden. Es ist deshalb unabdingar, dass Rechtssysteme sich verändern und die Mitgliedsstaaten der EU enger zusammenarbeiten, weil moderne Sklaverei eben oftmals länderübergreifend geschieht. Bisher scheint dazu der politische Wille zu fehlen: Die Zahlen bleiben – zumindest in Deutschland – unverändert.