#Female Pleasure: Der weibliche Körper als Dämon

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Film: #Female Pleasure (2018), Regisseurin: Barbara Miller, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: filmcoopi

,Mir wurde gesagt, dass Frauen während der Beschneidung ruhiger werden‘, erklärt sich einer der jungen Männer, die an dem Aufklärungskurs von Therapeutin und Aktivistin Leyla Hussein teilnehmen. Dann demonstriert sie an einer Vagina aus Knete das, was die Beschneidung einer, meist sehr jungen Frau tatsächlich ist: Verstümmelung. Gewalt. Missbrauch. Erst zerstückeln, dann zunähen. Das geht auch ohne Betäubung. Erschrocken hält sich derselbe Mann danach die Hand vor den Mund, sieht weg und sagt leise: ,Das ist unfair, man.‘

,It’s a cultural thing‘

Wer kann angesichts dieser Grausamkeiten weiter an der Praxis von Genitalverstümmelung festhalten? ,It’s a cultural thing‘, sagt Hussein. Die Somalierin ist eine der fünf Protagonistinnen, die Regisseurin Barbara Miller in ihrer Dokumentation ,#Female Pleasure‘ begleitet. Sie stehen für das Hashtag im Titel, für eine Bewegung, die es sich zum Ziel gemacht hat, die eigene Sexualität als Frau selbst zu bestimmen.

Und sie alle haben schwere Schicksalsschläge hingenommen. Hussein wurde im Kindesalter auch beschnitten; die ehemalige Nonne Doris Wagner in Rom von einem Pater der katholischen Kirche vergewaltigt, der weiterhin praktiziert; Deborah Feldman in einer chassidischen Gemeinde in NYC mit 17 zwangsverheiratet; die japanische Künstlerin Rokudenashiko für ihre ,Vagina-Kunst‘ von der Regierung verhaftet und die Inderin Vithika Yadav musste auf offener Straße Belästigung und Begrapschen von Männern hinnehmen.

Die Frau als sündhafter Widerspruch

Die repressiven Systeme, die religiösen Rollen, denen fast alle von ihnen unterlagen, scheinen schuld an diesen Schicksalen zu sein. Ob Bibel, Koran oder Tora: Die Frau ist heilig und böse zugleich, sie ist rein, sie ist schön und doch sündigt sie, weil sie den Mann verführt. ,Als ich meiner Oberin von der Vergewaltigung des Paters erzählte, schrie sie und war außer sich. Dann sagte sie: ‘Ich vergebe dir‘‘, erzählt Wagner. ,#Female Pleasure‘ ist deshalb auch ein religionskritischer Film, nicht an höherem Glauben, sondern als Angriff auf Institutionen zu verstehen, die die Unterdrückung der Frau benutzen, um eigene Machtverhältnisse zu erhalten oder gar zu verstärken.

Doch was ist mit säkularisierten Systemen, in denen religiöse Traditionen kaum mehr eine Rolle spielen? Bilder aus der westlichen Pornoindustrie und der Modebranche, in denen Männer halbnackte Frauen als Fußabtreter benutzen, zeigen: Hier gibt es genauso Probleme, wenn auch viel subtiler als bei Genitalverstümmelung oder Zwangsehen.

Frauen befeuern das Klischee

Das Größte: Frauen stereotypisieren sich in westlichen Industriestaaten oftmals immer noch selbst. Warum? Weil ihnen das gesellschaftliche Anerkennung verspricht. Wer gut aussieht, elegant ist und charmant, der schafft es trotzdem ganz nach oben – und den wollen auch die Männer.

Das thematisiert Miller allerdings nur am Rande. Interviews mit Frauen, die sich für die Modeindustrie ausziehen oder in Pornos mitspielen, wären ein schöner Kontraststreifen zu den gezeigten Heldinnen gewesen.

Feminismus ist nicht nur Frauensache

Außerdem: Auch Männer unterliegen gesellschaftlichen Erwartungen, gelten als besonders potent, wenn sie gewisse Voraussetzungen erfüllen, dürfen nicht weinen und sollten möglichst groß sein. Männliche Rollen müssten dementsprechend ebenfalls aufgebrochen werden, und da macht Miller glücklicherweise auch deutlich: Feminismus ist nicht nur Frauensache.

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