Der marktgerechte Patient: Die Krankenhausfabrik

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Film: Der marktgerechte Patient (2018), Regisseure: Leslie Franke, Herdolor Lorenz, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Salzgeber

Patienten, die kurz vor einer schweren OP noch unbeachtet auf dunklen Kellerfluren liegen, überforderte Ärzte und die allermeisten Pfleger mit Burn-Out. Die prekäre Situation in deutschen Krankenhäusern ist längst bekannt. Die Ursache dafür auch: Die seit 2004 eingeführten Fallpauschalen, kurz DRG, denen Kliniken heute unterliegen.

Ökonomisierung des Gesundheitssystems

In ihrer aktuellen Dokumentation ,Der marktgerechte Patient‘ kämpfen die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz gegen die Ökonomisierung des Gesundheitssystems. Exemplarisch greift das Doku-Duo im Film Beispiele aus Hamburg und München auf, wo städtische Kliniken immer öfter der Privatisierung zum Opfer fallen oder Beraterfirmen ausgeliefert sind, die Personal wegen der hohen Kosten wegrationalisieren. In Hamburg wurden – trotz eindeutigem Volksentscheid dagegen – alle Krankenhäuser an den privaten Klinikbetreiber Asklepios verramscht, der mit zwölf Prozent Rendite Anleger lockt.

Medizinischer Bedarf weicht seitdem dem Kriterium Erlös. Stellen wurden gestrichen. Patienten müssen warten oder werden gar abgelehnt, wenn sich ihre Krankheit nicht lohnt. Gutes Personal geht. Nur die Zyniker bleiben.

Ganz deutlich wird das, wenn der Chef der privaten Isarklinik in München davon spricht, mit ,betriebswirtschaftlichen Paketen Prozesse schlanker zu gestalten, um schwarze Zahlen zu schreiben‘. Franke und Lorenz schaffen hier einen Moment der Absurdität, entlarven die Worthülsen eines Ökonomen, der Sozialsysteme in Wirtschaftssysteme verwandelt und dabei jene Scheuklappen aufsetzt, die jedwede Sicht auf die Menschlichkeit verwehren. Ähnlich wie bei anderen politischen Großthemen. Es ist der vielleicht stärkste Moment des Films, dessen Schwerpunkt nicht auf Ästhetik und Bildkunst liegt, dafür aber argumentativ überzeugt.

DRG abschaffen

Die vielen Interviewschnipsel von Ärzten, Patienten oder Pflegern sind eine systematische Sammlung von Umständen, die nur so nach Veränderungen schreien. Gesetzlich festgelegte Personaluntergrenzen für Krankenhäuser in Deutschland zum Beispiel – und das nicht nur in der Pflege, sondern in allen Bereichen. Dass das politisch durchsetzbar ist, zeigt zum Beispiel der Großstreik an der Berliner Charité im Sommer 2017. Die Botschaft des Films geht allerdings noch weiter: Er plädiert für die gänzliche Abschaffung der Fallpauschalen. An ihnen ,herumzudoktern‘ würde auf lange Sicht nichts bringen, so Ingrid Greif, Betriebsratsvorsitzende des Städtischen Klinikums in München. Wirtschaftlichkeit gehe schließlich auch ohne Ökonomisierung.

Tatsächlich ist es wichtig zwischen Wirtschaftlichkeit und Ökonomisierung zu unterscheiden. Die zentrale Ethikkommission der deutschen Ärzteschaft erklärt Wirtschaftlichkeit ärztlichen Handelns als eine möglichst effiziente, also sparsame und effektive, d.h. wirksame Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen. Sie stehe zur moralischen Integrität des Arztberufs keineswegs im Widerspruch. Eine Ökonomisierung liege dagegen vor, ,wenn betriebswirtschaftliche Parameter jenseits ihrer Dienstfunktion für die Verwirklichung originär medizinischer Aufgaben eine zunehmende Definitionsmacht über individuelle und institutionelle Handlungsziele gewinnen‘. Die Arzt-Patient-Beziehung gerät also dadurch in Gefahr, dass wirtschaftliche Interessen stärker sind als eine adäquate Behandlung des Kranken.

So weit, so gut. Aber was ist mit den Hintergründen für die Reform der DRG, die von der Gesetzgebung unter anderem mit Kostenexplosionen begründet wurde, die es faktisch aber gar nicht gegeben hat. Das wird im Film leider nur am Rande besprochen. Dabei sind Franke und Lorenz in puncto Privatisierungsmaßnahmen versiert genug, das zeigt ihre Dokumentation ,Water Makes Money‘, die von von mehr als einer Million Zuschauern gesehen wurde.

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