American Beauty: Ist es normal, nur weil alle es tun?

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Film: American Beauty (2000), Regisseur: Sam Mendes, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Jennifer Buttinger

And yellow leaves from the maple trees that lined our street

Wenn ich an Sam Mendes und American Beauty denke, dann erinnere ich mich nicht nur an Rosen. Ich erinnere mich immer auch an diesen einen Satz, ich erinnere mich an Vergänglichkeit, daran, dass Blätter irgendwann immer von Bäumen fallen und Rosen verblühen – und daran, dass auch Lester Burnham (Kevin Spacey) stirbt. Um diesen Umstand wissen wir schon früh, im Grunde von Anfang an. Tröstlich daran ist vielleicht nur, dass er sowieso schon tot ist. ,I am a gigantic loser‘, sagt er selbst über sich. Er, der sich der Tristesse jenes amerikanischen Vorstadtlebens ausgeliefert hat, die Peter Weir in seiner ,Truman-Show‘ noch in scheinbar warmes Licht taucht. Bei Sam Mendes ist sie an Mittelmäßigkeit nicht zu überbieten – und sie bringt uns den schonungslosen Tod. Erst mental. Dann physisch.

Wir begleiten Burnham durch seinen lieblosen Ehealltag, sitzen mit am Tisch, wenn er und seine Frau sich nichts mehr zu sagen haben, und sich dabei an ihren wohl anerzogenen Tischmanieren festkrallen, die ihnen genau den Wohlstand bringen, der sie gleichzeitig in ihr Verderben katapultiert hat: Spießigkeit. Die Komfortzone derer, die in ihren Besitztümern ersaufen und langsam dahinvegetieren, weil ihnen das auch keinen Frieden bringt. Dazwischen sitzt die Tochter mit abgeklungenen Hilferufen, aber die hört auch niemand mehr, und das nicht nur, weil die klassische Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, heute Abend die Gespräche übertüncht, die sowieso nicht stattfinden. Ein paar offensichtlich rhetorische Fragen zu Arbeit und Schule stellen sich diese Fremden. Sie dienen aber nur dem Lebensstandard, der laufen muss. Und wehe, wenn Lester gefeuert würde. Ob glücklich oder nicht, das zählt nicht mehr, wenn wir uns in dem Hamsterrad verfangen haben, das uns anfangs so verheißungsvoll auf eine Spritztour einlud.

Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann auch dich

Lester weiß um seine Normalo-Existenz – und er will ausbrechen. Er will leben, so wie wir alle. Nur wie? Wie leben wir zufrieden? Indem wir loslassen, aufhören uns an dem festzuhalten, was sowieso vergänglich ist? Ist Vergänglichkeit dann nicht sogar erleichternd? ,Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann auch dich‘, weiß schon Tyler Durden in Fight Club. Wenn Burnham seiner Frau dann ein letztes Mal näherkommen will, sie ihn aber zurückweist, weil die hochpreisige Couch dabei beschmutzt werden könnte, lässt American Beauty einen ebenso feinsinnigen wie niederschmetternden Blick auf unsere Gesellschaft zu wie David Fincher. Wir versklaven uns, tauschen Zeit gegen Geld im Durchschnitts- Job ein, konsumieren als Ausgleich und vergessen mit einem Mal unsere Träume, die Tagträume, die wir alle haben. Ist es normal, nur weil alle es tun?

Fürs gute Gefühl bemitleiden wir dann noch diejenigen, die nicht die Sicherheiten haben, die wir besitzen und verharren selbstgefällig, aber unzufrieden in unserem Wohlstandskokon. Dabei sind wir vielleicht die Abhängigen, klammernd an allem wie Narren, aber immer mit der Angst im Rücken, dass wir diese vermeintlichen Sicherheiten eines Tages doch noch verlieren könnten. Tun wir das nicht sowieso?

And then I remember to relax and stop trying to hold on to it, and then it flows trough me like rain – and I can’t feel anything but gratitude for every single moment of my stupid little life

Vielleicht vergrämen deshalb so viele von uns, vielleicht rutscht der Sinn eines jeden Lebens in diesem Hamsterrad deshalb immer weiter in die metallischen Zwischenräume, die einmal ein Ausweg waren und jetzt gibt es keinen mehr. Wofür lohnt sich ein Leben, wenn es dem Menschen nur zum Funktionieren dient? Wenn es dazwischen keine liebevollen Momente mehr gibt, Momente, in denen Lesters Affaire ihn ganz ehrlich fragt, wie es ihm denn eigentlich geht. ,I’m great‘, sagt er überrascht, weil er gerade dabei ist, seinen Weg zu ändern – und am Ende muss er sterben. Wie wir alle. Aber wenigstens hat er nochmal gelebt. Zumindest ein bisschen.

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