
Film: Mario (2018). Regisseur: Marcel Gisler, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Pro-Fun Media GmbH
Eishockey, American Football, Rugby oder Fußball – der Spitzensport scheint die letzte Bastion der Homophobie zu sein. Kein Spieler hat sich während seiner aktiven Fußballkarriere bisher öffentlich geoutet. In ,Mario‘ porträtiert der Regisseur Marcel Gisler zwei junge Männer, die sich zwischen Karriere und Selbstverwirklichung entscheiden müssen. Er widmet sich damit einem Thema, das bis heute Tabu ist.
Tragödie des Totschweigens
Mario (Max Hubacher, bekannt aus ,Der Hauptmann‘) und Leon (Aaron Altaras) treffen sich auf dem Platz – und sie verlieben sich sofort ineinander. Dass diese Liebe allerdings zum Scheitern verurteilt ist, weiß jeder, der die Sportindustrie kennt. Die vielschichtigen Ursachen dafür beschreibt Gisler bereits in seinem Dokumentarfilm ,Electroboy‘ (2014): Weil keiner Ärger mit der Presse will, wird Homosexualität in der Öffentlichkeit nicht kritisiert, die Verantwortung für die Probleme aber hin- und her geschoben. Es sind die Fans, die Sponsoren und Geldgeber, die abspringen könnten, weil es ihnen missfällt. Schwulsein gibt es in einem geschlossenen System wie diesem also einfach nicht, es ist eine Tragödie des Totschweigens. Und Veränderung? Ist nicht in Sicht. Die nächste Fußballweltmeisterschaft wird in Katar ausgetragen, ein Land, dessen Justizapparat äußerst fragwürdig mit dem Thema Homosexualität umgeht.
In der gemeinsamen Wohnung, gesponsert von der U21 der BSC Young Boys in der Schweiz, sollen sich Mario und Leon dann also besser kennenlernen. Nur einer wird den Sprung in die erste Mannschaft des Vereins schaffen – und damit in die Profiliga aufsteigen. Doch es kommt anders. Der lockere Leon mit dem Aussehen eines sizilianischen Jünglings macht den ersten Schritt, küsst Mario, der noch keine Erfahrung hat. Gisler lässt die Begegnung der beiden langsam geschehen, mit Zurückhaltung und anfänglicher Scham, mit emphatischen, keinesfalls nur erotischen Liebesszenen, und der Angst vor den Konsequenzen, die dabei entstehen können. Die Gefühlswelten der beiden Männer lässt Gisler nur vage durchscheinen, und das passt nicht nur zur der Geradlinigkeit von Mario, sondern macht auch das Gefängnis klar, in dem beide sitzen. In der Falle einer Gewinnergesellschaft, in der Schwulsein immer noch als Verweichlichung stigmatisiert wird. Vielleicht kann der Schweizer diesen Prozess so eindringlich erzählen, weil er ihn selbst durchgemacht hat. Mit seiner Homosexualität geht der Regisseur heute offen um.
Privatleben oder Fußball
Für Leon und Mario eben ein Ding der Unmöglichkeit. Als die Gerüchte brodeln, drängen die Berater, die Eltern: entweder Karriere oder Privatleben. Beides kannst du nicht haben. Dann kommen die gehässigen Kommentare der anderen Spieler, die Blicke, denen uns Gisler schonungslos mit aussetzt, dabei aber nicht hysterisch wird. Hier gelingt dem Regisseur ein authentischer Bruch mit den zärtlichen Szenen, die ,Mario‘ zu einer echten Anklage gegen die Menschlichkeit machen.
Ich bin kein Wasserhahn, den man einfach zudrehen kann
Dem Druck des Clubs kann Leon nicht standhalten – und scheidet im Gegensatz zu Mario aus, der es am Ende ganz nach oben schafft. Den Preis, den er zahlen muss, sind schlaflose Nächte und Tabletten, und jeden Tag an Leon zu denken. ,Ciao Mario‘, sagt der, als er sich verabschiedet. Dann beißt er sich zitternd auf die Lippen und geht zurück nach Deutschland.