100 Jahre Bauhaus: Wie baut man eine Stadt für alle?

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Film: Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus (2019), Regie: Niels-Christian Bolbrinker und Thomas Tielsch, Lesedauer: 5 Minuten, Bild: Neue Visionen Filmverleih

Vorweg: Im Grunde ist der neue Film von Niels-Christian Bolbrinker und Thomas Tielsch ‚Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus‘ gar kein Film über Bauhaus. Aber genau das ist gut so. In der Dokumentation erzählen die Filmemacher zum Glück keine museale Geschichte über das wohl bekannteste Synonym der Moderne. Das wäre bei dem Schwall an Veranstaltungen und Ausstellungen in ganz Deutschland zum Jubiläumsjahr auch überflüssig. Sie widmen sich lieber zentralen Fragen in der heutigen Gesellschaft, die an die Philosophie von Bauhaus anknüpfen.

Und über die wissen wir tatsächlich weniger als über die modulare und industrielle Bauart. Vor allem war Bauhaus nämlich eine Schule. Hier wurde eine völlig neue Pädagogik für moderne Kunsthochschulen etabliert. Sie garantierte künstlerische Freiheit, galt aber hauptsächlich als Wegweiser für neue Lebenskonzepte. Soziales Miteinander zu gestalten, sich zu fragen: Wie wollen wir ,zusammen‘ leben? Wie können wir Räume so gestalten, dass Menschen gemeinsam am Leben teilhaben können? Wie baut man eine Stadt für alle? Das waren zentrale Aspekte des Bauhauskonzepts, ins Leben gerufen von Walter Gropius und maßgeblich mitkonzipiert von Paul Klee, Oscar Schlemmer und Wassily Kandinsky. Sie alle vereinten Kunst, Gestaltung und Architektur zu etwas Politischem. Den Weg in ein bedingungsloses Existieren.

Schulen ohne Klassenzimmer in Skandinavien

Bolbrinker und Tielsch transferieren das klug in die heutige Zeit, eine, die den Herausforderungen einer Leistungsgesellschaft unterworfen ist und ebenfalls neuer Lebenskonzepte bedarf, insbesondere in Bezug auf das Wohnen. Die Tragweite ist hierbei global: Sie reisen zum Beispiel zu visionären Projekten wie ,Think Tank‘ in lateinamerikanischen Favelas, die sich von den chaotischen Strukturen in den Vierteln im Sinne von ,Urban Design‘ inspirieren lassen und mit Seilbahnen oder Rolltreppen, die zu den zum Teil grotesk aufeinandergestapelten Häusern leiten, die Lebensumstände der Bewohner verbessern. Oder sie besuchen skandinavische Schulen ohne Klassenzimmer, weil Pädagogik auch hier neu gedacht werden soll.

Volksbedarf statt Luxusbedarf

Nebenbei erzählen sie in klassischem, mitunter auch etwas bravem Stil, das heißt ein Mix aus Interviews und Archivmaterial, aber auch ein bisschen Bauhausgeschichte. Die großen Architekten wie Mies van der Rohe, dessen konstruktive Logik maßgeblich zum heutigen Bauhausstil beigetragen hat, werden dabei aber nur am Rande erwähnt. Vielmehr geht es darum, die Kerngedanken der Bauhauskunst zu erfassen, die anfangs beinahe esoterisch waren und den Menschen als Teil von einem kosmischen Raum begriffen, von dem sie durch das gesellschaftliche Leben in der Nachkriegszeit aber abgekoppelt waren. Das Bauhaus wandelte sich im Grunde erst durch Hannes Meyer, den ersten Nachfolger von Gropius, von der spirituellen Philosophie zur industriellen Lehre der Mathematik: Funktion und Ökonomie mussten zusammenfinden. Volksbedarf statt Luxusbedarf.

Dass diese Utopie heute wieder Berechtigung hat, verdeutlichen auch die gezeigten Designbüros, die zum Beispiel mit neuartigen ,tiny houses‘ Wohnraum für 100 Euro in deutschen Großstädten schaffen könnten. Das ist im Hinblick auf den derzeitigen Wohnungsmarkt auch viel spannender. Denn Gropius hat recht, wenn er sagt:

Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen. #Gropius

 

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